
Die Tür des Lycée war schwarz. Nicht ganz verbrannt, nur angekohlt, das Holz an den Rändern aufgeworfen wie alte Rinde. Davor die Reste zweier Mülleimer, geschmolzenes Plastik, ein verbogener Ring aus Metall auf der Straße.
Am Nachmittag hatte ich sie gesehen, die Schülerinnen und Schüler, wie sie die Straße hinunterzogen, laut und sehr jung, mit Pfeifen und Transparenten. Ich bin stehen geblieben. Man bleibt stehen, wenn man so etwas einmal selbst getan hat.
Abends habe ich an Stéphane Hessel gedacht. Das Heft war dünn, kaum dreißig Seiten, und kostete 3,99 Euro. Ich hatte es vor ein paar Tagen von Erika geschenkt bekommen. Als er es 2010 veröffentlichte, war er 93 Jahre alt. Er hatte die Résistance hinter sich, die Gestapo, Buchenwald und eine Flucht aus dem Lager, danach ein langes Diplomatenleben, zeitweise bei den Vereinten Nationen. 1948 hatte er an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mitgearbeitet.
Empört Euch! war kein Aufschrei. Es war so etwas wie seine politische Bilanz. Hessel wusste, dass nichts von dem, was Europa nach dem Krieg errichtet hatte, selbstverständlich war: Freiheit, Demokratie, Sozialstaat, am wenigsten die Würde des Einzelnen.
Was ihn sorgte, war die Gleichgültigkeit, das Achselzucken vor Entwicklungen, die man für unvermeidlich hält oder die einen nicht unmittelbar betreffen. Dagegen setzte er die Empörung. Sie war für ihn keine Wut. Eher ein Rest von Wachheit. Wer sich empört, hat noch nicht aufgegeben.
Nicht überlesen sollte man, dass Hessel ausdrücklich für Gewaltlosigkeit warb. Er traute der Hoffnung und dem zivilen Ungehorsam mehr zu als dem Feuer. Die verkohlte Tür hätte ihm nicht gefallen. Die Jugendlichen davor vermutlich schon. Er hätte ihnen den Brand ausgeredet, nicht den Zorn.
Blinde Wut zerstört, das wusste er. Was ihn bewegte, war der gerechte Zorn über die Verletzung der Menschenwürde, und dazu zählte für ihn auch die soziale Ungerechtigkeit. Aus diesem Zorn wächst die Empörung, daraus die Verantwortung und aus der Verantwortung das hoffentlich angemessene Handeln.
Ich kenne diese Straßen. Nicht die von Marseille, aber andere. Brokdorf, der Bonner Hofgarten, die Sitzblockaden, die Lieder, die man heute nicht mehr singt. Wir waren gegen die Atomkraft und gegen den Nato-Doppelbeschluss, und wir waren sicher, dass die Welt an uns hing. Die Älteren hielten uns für naiv oder für gesteuert, je nach Zeitung. Die Atomkraftwerke sind inzwischen abgeschaltet. Die Raketen verschwanden einige Jahre später wieder, aus Gründen, über die Historiker bis heute streiten. Wir waren nicht ganz unschuldig daran, glaube ich. Ganz schuldig auch nicht. Kumbaya, my Lord.
Als 2019 freitags die Schulkinder auf die Straße gingen, habe ich mich gefreut. Ehrlich und ein wenig neidisch. Sie stellten die Frage, die wir damals auch gestellt hatten, nur schärfer: Wer lebt eigentlich mit den Folgen? Die ökologischen Kosten heutiger Entscheidungen werden jene tragen, die heute noch die Schulbank drücken. Hessel hätte darin keine Umweltfrage gesehen, sondern eine Frage der Menschenrechte. Sie gelten nicht nur für die Lebenden, sondern auch für die, die noch nicht geboren sind.
Stehe ich nicht inzwischen auf der anderen Seite der Rechnung? Immer weniger Junge zahlen für immer mehr Alte. So wie wir einst unsere Großeltern befragt haben, fragt man nun uns, und nicht erst später und nicht leise: Was hast du dagegen getan? Wer entscheidet heute über Lasten, die erst morgen spürbar werden? Und wer hat dabei eigentlich eine Stimme?
Man muss nicht jede Forderung der Demonstrierenden teilen, um ihre Bedeutung zu erkennen. Und man muss keinen Brand gutheißen. Aber wer protestiert, betrachtet seine Zukunft nicht als Angelegenheit anderer.
Eine verbrannte Tür ist ein Ärgernis. Eine Jugend, die sich mit allem abfindet, wäre das größere.
Vielleicht liegt darin die bleibende Aktualität dieses kleinen Heftes. Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe sind kein Besitz der Gegenwart. Sie sind ein Versprechen auch an die, die nach uns kommen.
Empörung ist dann keine Undankbarkeit und keine jugendliche Ungeduld. Sie ist die Weigerung, Ungerechtigkeit für naturgegeben zu halten. Für jene, die noch keine Macht haben und mit unseren Entscheidungen trotzdem leben werden.
Am Abend war die Straße gefegt. Die Tür wird man ersetzen. Bei vielem anderen, was wir hinterlassen, wird es schwieriger.

Bonn, Hofgarten, 10. Oktober 1981: Rund 300.000 Menschen versammeln sich zur bis dahin größten Demonstration in der Geschichte der Bundesrepublik und protestieren gegen atomare Aufrüstung und den NATO-Doppelbeschluss. Die Kundgebung steht unter dem Motto „Gegen die atomare Bedrohung gemeinsam vorgehen“. Friedensinitiativen, Gewerkschaften, Kirchen und Bürgergruppen prägen das Bild eines ungewöhnlich breiten Protests. Zu den Rednern und Gästen zählen Heinrich Böll, Erhard Eppler, Petra Kelly und Coretta Scott King. Die Demonstration wird zum Symbol der westdeutschen Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre.