Alle Menschen werden Brüder

Es ist Sonntagmorgen und aus dem Radio ertönt die Ode an die Freude. Der Chor singt: „Alle Menschen werden Brüder.“ Schiller hat es gedichtet und Beethoven vertont.

„Alle Menschen werden Brüder.“ Ich höre zu und fange an zu rechnen:

Zurzeit leben in Deutschland gut 83 Millionen Menschen, auf der ganzen Welt etwa 8,3 Milliarden. Jeder hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern. Gesteht man jeder Generation fünfundzwanzig Jahre zu, bis sie ein Kind bekommt, ist die Einwohnerzahl Deutschlands nach 27 Generationen erreicht, die der Welt nach 33, also vor gut 800 Jahren. Damals lebten aber nur etwa 400 Millionen Menschen auf der Erde. Seid umschlungen Millionen!

Die Rechnung geht also nicht auf, und gerade darin liegt ihre Wahrheit: Dieselben Vorfahren tauchen in unseren Stammbäumen hundertfach auf, in deinem wie in meinem. Sie sind weniger Bäume als ein einziges dicht verflochtenes Wurzelwerk.

Verbundenheit ist das Ergebnis abhängigen Entstehens, wie der Buddha lehrt. Über 33 Generationen ist jeder Einzelne von uns entstanden. Damit sind alle Menschen unsere Cousins und Cousinen. Hinter jedem von uns stehen unzählige Liebesgeschichten, die gut ausgegangen sind. Oder schlichter gesagt: guter Sex.

Ich bin der Letzte dieser Kette. Und auch wenn alle Menschen meine Cousins sind, bleibt die alte Sehnsucht nach einem, der mehr ist als ein Cousin: der anderen Hälfte meines Kugelmenschen, wie Platon es nannte. Im „Gastmahl“ erzählt Aristophanes von den Kugelmenschen der Urzeit: rund, mit vier Armen, vier Beinen und zwei Gesichtern, so kraftvoll, dass sie die Götter herausforderten. Zeus schnitt sie zur Strafe entzwei. Seither sucht jede Hälfte die andere, und dieses Suchen nennen wir Liebe. Es gab sie in drei Ausführungen: Mann und Mann, Frau und Frau, Mann und Frau. Welche Hälfte man sucht, hängt davon ab, aus welcher Kugel man stammt.

Die Nachfahren der gemischten Kugeln arbeiten bis heute fleißig an der Überbevölkerung der Welt. Die übrigen, die Aristophanes für die edleren hielt, tragen dazu zumindest weniger bei. Vielleicht bleibt dadurch etwas mehr Energie für Bodhicitta.

Im Buddhismus gibt es die Vorstellung der Wiedergeburt. Sie verkürzt die Rechnung nicht, sie sprengt sie. Kaum ein Wesen, heißt es in den alten Lehrreden, war nicht schon einmal unsere Mutter, unser Vater, Bruder oder Schwester. So werden aus Cousins Brüder. Und aus Fremden Mütter. Der Buddha machte die Liebe der Eltern zum Maß: So wie eine Mutter ihr einziges Kind liebt, so solle man alle Wesen lieben. Die einen entwickeln ihre Liebe am eigenen Kind, die anderen versuchen es mit allen fühlenden Wesen. Leicht ist keins von beidem.

In allen früheren Leben haben wir geliebt, aber vielleicht nicht immer, bis dass der Tod uns scheidet. In diesem Leben war es wohl meine Aufgabe, die unvollkommenen Liebesgeschichten zu beenden und eine altruistische Liebe zu allen Brüdern und Schwestern zu entwickeln, eben jenes Bodhicitta. Das ist gelebte Verbundenheit. Das ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das ist des Pudels Kern.

So wie eine einzelne Note noch keine Sinfonie ist, erklingen auch wir erst in der Verbundenheit mit den anderen. Alle Menschen werden Brüder? Wir waren es immer.

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