Warum ich acht Wochen allein reise? Weil ich meiner eigenen Melodie und meinem individuellen Rhythmus ungestört folgen möchte. Es ist wie unter der Dusche allein zu singen: Niemand unterbricht meinen Song. Nur ich höre mir selbst zu. Der Song meines Lebens besteht aus Melodie und Takt. Und nichts davon geht verloren, solange ich acht Wochen langreise und […]
Flanierende Gedanken über Buddha, Russell und Quantenphysik
Zu Beginn meines Studiums des Buddhismus beschäftigte mich eine Frage: Wie echt sind Gefühle eigentlich? Ich hatte Gefühle erlebt, die mich überwältigten. Und ich ahnte dennoch, dass irgendetwas an ihnen nicht stimmte. In einer Vorlesung über die Philosophie des Geistes begegnete mir Bertrand Russells Neutralmonismus. Russell vertrat die Ansicht, dass weder Geist noch Materie die […]
Eros – Der Gott des Sichverliebens
Eros ist der Sohn der griechischen Göttin Aphrodite und Ares. Die Römer nannten ihn Amor und seine Eltern hießen Venus und Mars. Aphrodite ist die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Liebe. Ares ist der Gott des schrecklichen Krieges. In Platons Buch „Symposion – Das Gastmahl“ lässt er Sokrates erzählen, was er von […]
Der hinsehende Eros
Die drei Grazien mit Amor – und ich, Berthel Thorvaldsen, 1821 – 1823 In diesem Semester beschäftige ich mich mit Kunstgeschichte. Dabei bin ich auf einen Aufsatz von Erwin Panofsky gestoßen, der mich nicht mehr loslässt. Panofsky untersucht als Kunsthistoriker eine scheinbar einfache Frage: Warum wird Eros in der Kunst mal mit verbundenen Augen dargestellt […]
Andy Warhols Suppen
Andy Warhol hat uns gewarnt. Seine Botschaft war unmissverständlich: Er hängte 32 Campbell’s-Suppendosen 1962 ins Museum, nicht etwa weil sie schön waren, sondern weil sie überall gleich aussahen. Jede Dose ist nahezu identisch und jeder Inhalt verspricht Sättigung und Befriedigung des Hungergefühls. Während ich über Warhols Suppendosen im Prager Museum nachdachte, wurde mir bewusst, wie […]
Ouvertüre in drei Songs
Es gibt Lieder, die einen das ganze Leben lang begleiten. Wenn ich eine Oper schreiben wollte, die mein Leben in drei Akten erzählt, müsste ich als Erstes die Ouvertüre schreiben. Die Ouvertüre nimmt die Handlung vorweg und legt den Ton für die folgenden Akte fest. Dies wäre meine Ouvertüre: Yesterday Love was an easy game […]
22.04.2026 – Ravenna · Bologna · Venedig · Triest
Es fühlt sich fast unanständig luxuriös an, Rom und die Toskana dieses Mal einfach links liegen zu lassen, also keine Renaissance, keine Kuppeln, keine Medici und kein David. Mein Ziel ist Triest, wegen Johann Joachim Winckelmann. Seit meiner Goethe Italien-Reise 2013 schulde ich ihm einen Besuch. Damals hatte ich Triest allerdings mit Tarent verwechselt. Peinlich, […]
17.04.2026 Lecce
Oha! Ich war eben toll essen. Da es kein alkoholfreies Bier gab, trank ich belgisches St. Benoît. Das enthält 8% Alkohol. Das Ergebnis ist, dass ich beschwipst bin und mich an dieser Stelle kurz fasse und nur einen Gedanken poste, den ich heute Mittag schon notiert habe. Ich war den ganzen Tag unterwegs, um wirklich […]
05.04.2026 Acireale
Ich war bei Erikas Familie zum Osteressen eingeladen. Mit dem Essen feierten Erika und ich auch gleichzeitig unser Wiedersehen und den Abschied für dieses Mal. Die Enkelin war aus Bergamo angereist, und Erika möchte verständlicherweise so viel Zeit mit ihr verbringen wie nur möglich. Am Nachmittag habe ich über Ostern als das Fest der Auferstehung […]
04.04.2026 Acireale
Wenn die Sonne aufgeht, erinnert sie mich daran, dass jeder Atemzug ein neuer Anfang ist. Ihr Licht fällt auf alle, ohne zu fragen, wer wir sind. So möchte auch ich den Menschen begegnen. Jede Welle ist einmalig, und wenn sie am Strand ihre Form verliert, bleibt sie doch, was sie ist: Wasser. Sie bleibt Wasser, […]
30.03.2026 Acireale
Ein Essay über Rilke, Levinas und das Schauen mit geschlossenen Augen Gesprächsthemen mit Erika fließen wie selbstverständlich ineinander. Wir beginnen bei der Tradition der Insel, bei einem Ballett im Fernsehen oder bei einem Rezept für Artischocken und landen plötzlich bei Rainer Maria Rilke und Emmanuel Levinas. Erika las mir einen Absatz aus Rilkes“Die Aufzeichnungen des […]
26.03.2026 Sterne über Acireale
Diesem schönen Sonnenaufgang ging eine sternenklare Nacht voraus. Aufgrund der relativ dünnen Besiedlung und der damit verbundenen geringeren Lichtverschmutzung strahlen am oder auf dem Meer die Sterne scheinbar viel heller, als wir es in Hamburg beobachten können. Ich bin von dem Anblick jedes Mal gebannt. Das Licht der Sonne braucht nur acht Minuten zu uns […]
22.03.2026 Acireale – Sechs Männer und das Meer
ich habe gestern „Der Fluss der Zeit“ von Pascal Mercier als Hörbuch gehört, während ich am Meer saß und auf die Wellen sah. Sein Roman „Im Nachtzug nach Lissabon“ hatte mich 2016 inspiriert, Lissabon zu besuchen und eine Rundreise durch Portugal zu machen. Eine wunderschöne Stadt in einem schönen Land. Es ist Sonntag und das […]
Licht in finsterstem Tal
Vor mir liegt ein Bleistift aus Holz mit schwarzer und goldener Lackierung und einer schwarzen Graphitmine. Das obere Ende ist abgerundet, das andere Ende angespitzt und zum Schreiben bereit. Wenn ich nacheinander diese Bestandteile entferne, bleibt nichts von dem Bleistift zurück. Wo oder was ist das Bleistift-Sein? Die Benennung? Für einen Engländer ist es ein […]
08.03.2026 Palermo – EXTINCTION PROJECT
Extinction Project In einer nahen Zukunft ist die menschliche Spezies ausgestorben. In einer fernen Galaxie fängt eine außerirdische Zivilisation alte digitale Botschaften vom Planeten Erde ab und versucht, die Geschichte seiner früheren Bewohner zu rekonstruieren. Die Daten sind jedoch stark beschädigt und bestehen aus fragmentierten und unvollständigen Bildern und Texten. Angesichts dieses lückenhaften Archivs stehen […]
05.03.2026 Turin → Genua
Die Fahrt durch die Po-Ebene bleibt ein grauer Streifen im Gedächtnis. Ein dichter Nebel liegt über dem flachen Land. Der Regionalzug hält pünktlich an jeder Station und jagt dazwischen mit 159 km/h weiter dem Ziel entgegen. Die Menschen telefonieren laut, hören Musik ohne Kopfhörer oder spielen Handyspiele mit voller Lautstärke – eine Geräuschkulisse wie auf […]
Essay – Über das Reisen
„Ich ging durch die Gassen, stets mit der Frage im Sinn, wie es damals gewesen war, ich zu sein.“ Pascal Mercier Der Satz von Pascal Mercier begleitet mich, während ich heute Abend durch die langen Arkadengänge Turins gehe. Das Echo meiner Schritte mischt sich mit dem Echo dieser Frage: Wie war es damals gewesen, ich zu […]
Dank an UKE
Liebe Ärztinnen und Ärzte, liebes Team der Pflege, heute, am 16.02.2026, vor genau einem Jahr waren Sie alle zur Stelle, um mir das Leben zu retten. In den elf Tagen, die ich auf der Intensivstation lag, haben Sie alle Ihr Bestes gegeben. Meine Segelreise über den Pazifik konnte ich nicht antreten, aber ich habe die […]
Parole. Parole. Worte. Worte
Parole, Parole. Worte, Worte. Hoffnungsvolle, angstvolle, ermutigende und verstörende Worte — sie tönen aus dem Radio. Zwei Menschen, die zwei Monologe führen und keinen Dialog. Parole. Parole. Worte. Worte. Mehr nicht. Keines ihrer Worte vermag den Geschmack einer Kirsche zu beschreiben, geschweige denn das wunderbare Erlebnis, sie wirklich zu schmecken. Viele beklagen sich heute darüber, […]
Unerreicht Erreichbar!
Früher hing das Telefon an einer langen Schnur, die quer durch die Wohnung lief, um überall erreichbar zu sein. Und wenn man sich für einen Kinobesuch verabreden wollte, brauchte es eine Telefonkette, die sich durch die ganze Stadt zog. Niemand sagte drei Minuten vor Filmbeginn ab – schon weil man dafür erst einmal eine Telefonzelle […]
Weihnachten – Zeit für Zuversicht
Es war Dienstag, der 16. Dezember 2025. Ich war zu einer Podiumsdiskussion im Rathaus verabredet und hatte noch eine halbe Stunde Zeit. Ich wartete vor dem Hamburger Rathaus auf eine Freundin. Es war einer dieser Dezemberabende, an denen sich die Stadt in ihre Weihnachtsillusion hüllt: Glühweinduft, Lichterketten, das sanfte Gemurmel zufriedener Menschen, die zwischen den […]
Morgen
Was für ein schöner Sonnenaufgang das heute Morgen war! Der letzte, den ich erleben werde, wird von gleicher Art sein. Und der am Morgen danach auch.