
Warum ich acht Wochen allein reise? Weil ich meiner eigenen Melodie und meinem individuellen Rhythmus ungestört folgen möchte. Es ist wie unter der Dusche allein zu singen: Niemand unterbricht meinen Song. Nur ich höre mir selbst zu.
Der Song meines Lebens besteht aus Melodie und Takt. Und nichts davon geht verloren, solange ich acht Wochen langreise und unter der Dusche singe.

Ich bin der, der ich bin,
weil ich der war, der ich früher einmal war.

Ich mache noch immer neue Erfahrungen mit mir selbst, und deshalb kenne ich keine Langeweile — höchstens gelegentlich mit anderen. Daraus erwächst die Freiheit von der Notwendigkeit, andere als „Pausenclown“ zu benutzen.

Und was haben jene zu bieten, die von ihrer „besseren Hälfte“ sprechen?
Jeder Mensch folgt seiner eigenen Lebensmelodie und seinem individuellen Rhythmus. Anfangs fühlt man sich von der Melodie des anderen angezogen — nach dem Motto: Gegensätze ziehen sich an. Aber etwas später erkennt man vielleicht, dass man taktlos nebeneinanderher lebt.
Wie in einem Kanon, der aus dem Ruder läuft, entsteht eine Dissonanz: Man lebt aneinander vorbei, weil die Herzen nicht zur gleichen Zeit im selben Takt schlagen.

Mit großer Empathie und Liebe gelingt es wenigen, aus zwei Melodien eine Fuge zu formen — eine, wie Bach sie schrieb. Aber wer kann das schon?
Bliebe noch der Jazz — Musik des Kompromisses, der Improvisation. Doch auch er verlangt Seltenes: zuhören, die Pause aushalten, die eigene Melodie loslassen, wenn der andere eine unerwartete Wendung nimmt. Was den Jazz verhindert, sind keine fehlenden Noten, sondern Angst vor Kontrollverlust, Eitelkeit und die stille Bequemlichkeit derer, die den Status quo dem Risiko vorziehen.

Nach diesen seltenen Talenten habe ich gesucht. Und nun, im Alter, spiele ich mein Solo. Doch dieses Solo spiele ich nicht a cappella, sondern mit dem Orchester meiner Familie und Freunde.

PS
Vielleicht begann meine Melodie früher, als ich es lange wusste. Im Januar 1962 fuhr ich als zweieinhalbjähriger Junge mit einer Dampflok von Hamburg nach Westerland. Es war eine dieser Kinderverschickungen nach Sylt, wie sie damals zum Gesundheitsprogramm üblich waren. Ich erinnere mich nur an Der kleine Wassermann und daran, dass in mir der Wunsch Lesen zu können entstand. Während ich auf Sylt schlief, traf am 16. Februar Hamburg die Sturmflut. Meine Eltern konnten mich nicht erreichen und mussten darauf vertrauen, dass ich dort gut aufgehoben war. Es braucht nicht viel Empathie, sich vorzustellen, wie sie sich ängstigten. Aber ich kann mich nicht erinnern, mich unsicher gefühlt zu haben. Vielleicht entstand in dieser Nacht die Zuversicht, die mich seither begleitet.
Mit neunzehn Jahren fuhr ich allein mit dem Zug von Flensburg nach Marseille, bestieg ein Schiff nach Algier. Ich bereiste die gesamte algerische Küste von Tlemcen nach Annaba und von Algier führte mich der Weg nach Süden in die Sahara bis In Salah. Auf der Rückfahrt führte mich der Weg über Ghardaia, Biskra und Batna durch das Massif des Aurès zurück nach Algier. Es waren fast 10.000 Kilometer. Meine Französischkenntnisse beschränkten sich auf: Je suis Thorsten.
Diese frühe Erfahrung von Selbstständigkeit und das Vertrauen in die Welt haben mich – manchmal auch laut pfeifend – Wege gehen lassen, die ich als Jugendlicher nur aus Reisebeschreibungen kannte.