20.10.2026 Amsterdam – Hamburg

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Gegen 11 Uhr klopfte es an meine Zimmertür, und die Damen vom Empfang erinnerten mich daran, dass ich ausschecken müsse. Uups! Ich war in der Annahme aufgewacht, es sei erst Montag und ich könne noch einen Tag in Amsterdam bleiben. Das Zimmer war aber bereits weitervermietet. Übung im Kofferpacken habe ich, und Augenblicke später saß ich in der Straßenbahn zum Hauptbahnhof, wo der Intercity um 12 Uhr nach Hamburg abfuhr. Eine Abreise wie Pflaster ab – abschiedsschmerzlos.

Steile Treppenhäuser, die mehr an Hühnerleitern als an Treppen erinnern, gehören zu den niederländischen Spezialitäten. Mit einem großen Koffer werden sie zur sportlichen Herausforderung.

Das Leben hatte sein Füllhorn reichlich über mich ausgeschüttet. Dass all das in wenigen Wochen auf denselben Weg passte, wundert mich noch immer. Zugleich ahne ich, dass die Erinnerung daran mich schon bald wieder aus meinem goldenen Käfig locken wird.

Da waren die Abende in prachtvollen Häusern, in denen für einige Stunden die bezaubernde Kraft der Musik wirkte. Künstler und Publikum wurden Teil derselben Erfahrung. Nationalität, Sprache und Herkunft verloren an Bedeutung. Während der Aufführung verband die Musik alle Anwesenden zu einer Gemeinschaft auf Zeit. In Catania Bellinis I Puritani, in Palermo La Bella Addormentata, in Marseille Mozarts Don Giovanni, in Paris L’Histoire de Manon und in Barcelona das Filmmusikkonzert des Orquestra Simfònica del Vallès im Palau de la Música Catalana.

Jeder dieser Abende klang anders, und jedes Publikum war anders. Gemeinsam war ihnen die Erfahrung, großartige Künstlerinnen und Künstler in Häusern zu erleben, die selbst schon Teil der Aufführung waren. Man spürte, dass viele diesen Anlass als etwas Besonderes empfanden, und entsprechend war auch das Publikum gekleidet.

Dem stand die andere Seite der Reise gegenüber. Da war die Weite des Meeres. Da waren die langen Überfahrten auf dem Mittelmeer zwischen Inseln und Küsten. Besonders herrlich war das Segeln, bei dem man Wetter und Wellen unmittelbarer ausgesetzt ist und die Natur hautnah erlebt. Wenn dort etwas braust, dann ist es nicht der Applaus, sondern der Wind in den Segeln oder die Bugwelle. Alle zogen, im wörtlichen Sinn, an einem Strang. Für einige Tage entstand so eine Gemeinschaft ganz eigener Art, verbunden nicht durch Musik, sondern durch Wind, Meer und das gemeinsame Ziel.

Unvergessen bleibt die Begegnung mit dem Feuer speienden Stromboli. Ich sah glühende Eruptionen in der Dunkelheit von einem kleinen Boot aus, das aus sicherer Entfernung auf dem schwarzen Meer schaukelte. Der Vulkan nahm von uns keine Notiz. Er gibt seine Vorstellung seit einigen tausend Jahren, ohne Programmheft und ohne Zugabe.

Dazwischen lagen die stilleren Entdeckungen. Museen, Ausgrabungen, alte Städte und Kirchen. Dazu Landschaften in den Bergen von Sardinien, so unberührt, dass man sich als Wanderer beinahe entschuldigen wollte. Dort trat die Gegenwart für einen Augenblick zurück, und die Welt wirkte fast paradiesisch.

Und schließlich die Menschen. Die zufälligen Gespräche, die kleinen Hilfen unterwegs, Fremde, die für eine Weile Teil derselben Reise wurden und es dann, nach einem freundlichen Abschied, wieder nicht mehr waren.

Der Flaneur in mir, nun wieder in Hamburg unterwegs, genoss jeden dieser Tage und freut sich, dass ich das alles erleben konnte.

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