Dies ist mein Kommentar zu einem Artikel auf Ethik heute : Self Care: Bin ich die wichtigste Person?
„Du kannst die Menschen um dich herum nicht verändern, aber du kannst verändern, welche Menschen um dich herum sind.“
Je älter ich werde, desto mehr erscheint mir dieser Satz als eine Form von Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Nicht, weil er zum Rückzug auffordert, sondern weil er daran erinnert, dass Beziehungen eine bewusste Entscheidung sind.
Menschen verändern sich selten nach unseren Wünschen. Erwartungen, Hoffnungen oder Geduld ersetzen keine Gegenseitigkeit. Was wir jedoch beeinflussen können, ist die Frage, wem wir Zeit, Aufmerksamkeit und einen Platz in unserem Leben geben.
Auf Reisen wird diese Erkenntnis oft besonders deutlich. Nicht weil Reisen etwas grundlegend anderes wären als das Leben zu Hause, sondern weil sie das Alltägliche beseitigen: die Rollen, die Routinen und das, was man voneinander zu wissen glaubt. Sie sind ein Labor, in dem menschliche Begegnungen in konzentrierter Form sichtbar werden.

Ursula Baatz empfiehlt eine schlichte Frage: „Was brauche ich jetzt?“ Zu Hause geht sie leicht im Lärm unter. Allein unterwegs stellt sie sich fast von selbst. Niemand wartet, kein Termin drängt. Ich kann stundenlang am Strand liegen, einen Tag in einem Museum verbringen, eine Stadt ohne Plan durchstreifen oder auf einer Wanderung spüren, wozu mein Körper noch fähig ist. Ich probiere aus, was mir gefällt, und merke es schneller als im Alltag.
Frau Baatz schreibt auch, die erste Antwort sei selten die richtige. Wer nach etwas Süßem verlangt, sucht oft etwas anderes. Auf Reisen ist es ähnlich. Nach dem dritten Museum und dem zweiten Strandtag zeigt sich, was eigentlich fehlt. Manchmal ist es nicht Ruhe, sondern ein Gegenüber. Dann wird es interessant. Man muss sich dem Leben öffnen, die Komfortzone verlassen, einen fremden Menschen ansprechen. Erst hier wird aus dem Labor ein Experiment, und der Versuchsaufbau ist man selbst. Bei mir geschah das einmal eher aus Versehen.
In Neapel beobachtete ich eine elegant gekleidete Dame, die auf einer Bank vor einer Heiligenfigur hektisch ihre Taschen durchsuchte. Dabei verlor sie ein größeres Stück Papier, das über den Platz geweht wurde und liegen blieb. Zunächst ärgerte ich mich über diese offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber einem so schönen und aufgeräumten Ort. Als ich das Papier aufhob und sie darauf ansprechen wollte, bemerkte ich jedoch, dass sie den Tränen nahe war.
Das Papier interessierte sie kaum. Ihre Sorge galt ihrem verschwundenen Handy. Meine Empörung wich schlagartig meiner Empathie. Wer allein reist, weiß, wie viel von einem einzigen Gerät abhängen kann: Kontakte, Adressen, Reservierungen, Bezahlmöglichkeiten und nicht zuletzt ein Stück Sicherheit.
Wenig später fand sie das Handy tatsächlich wieder. Eine Verkäuferin hatte es sorgfältig verwahrt. Aus einem kurzen Gespräch wurde ein gemeinsamer Nachmittag. Vier Stunden später verabschiedeten wir uns, Yvonne aus Hobart in Tasmanien und ich, als Freunde. Manchmal steckt in vier Stunden mehr Nähe als in Jahren, in denen man glaubte, den anderen zu kennen.
Die Dame hatte sich nicht verändert. Verändert hatte sich mein Blick. Zuerst war sie für mich ein Es gewesen: eine Unachtsame, ein Beispiel für Gleichgültigkeit. Dann wurde sie ein Du. „Der Mensch wird am Du zum Ich“, sagt Martin Buber. Ich habe in diesem Moment nicht gewählt, ich habe mich ansprechen lassen.
Frau Baatz schreibt, echte Selbstfürsorge bedeute zu erkennen, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht. Das Bedürfnis nach Sicherheit, Anerkennung, Nähe oder Trost lebt nicht nur in mir. Auf der Bank in Neapel saß mir genau diese Verletzlichkeit gegenüber, zwischen durchwühlten Taschen.
Genau darin liegt für mich der Kern des Satzes vom Anfang. Wen ich als Möglichkeit betrachte, den behandle ich als Es, also wie ein Objekt. Und so will auch ich nicht behandelt werden.
Ich brauche keine Menschen, für die ich lediglich eine Option oder eine Ersatzlösung bin. In einer guten Beziehung verlieren diese Begriffe ihre Bedeutung. Zwei Menschen entscheiden sich freiwillig füreinander und machen einander dadurch wichtig. Freiheit und Verbindlichkeit schließen sich nicht aus. Sie bedingen einander sogar.
Alleinsein ist deshalb nicht zwangsläufig Einsamkeit. Es bedeutet oft, mit sich selbst im Reinen zu sein. Wer allein lebt oder reist, muss seine Bedürfnisse nicht ständig erklären, keine Kompromisse eingehen und keine Rücksicht aushandeln. Er kann es tun, wenn er möchte. Er muss es aber nicht.
Hier würde Frau Baatz mir vielleicht widersprechen, und nicht ganz zu Unrecht. Wer sich zur Nummer eins macht, macht andere leicht zur Nummer zwei. Die Freiheit des Alleinreisenden ist ein Übungsraum. Sie zeigt mir nicht nur, was ich brauche. Ich übe dort auch, wie ich es bekomme: Ich buche einen Opernbesuch, ich frage nach einer Information, oder ich mache ein Kompliment, um ins Gespräch zu kommen. Frau Baatz würde sagen, ich lerne, meine Bedürfnisse so mitzuteilen, dass ein anderer sie verstehen kann. Und irgendwann fällt mir auf, dass die anderen dasselbe üben.
Umso mehr wird jede Beziehung zu einer bewussten Wahl. Zusammensein sollte mehr sein als bloße Gewohnheit oder die Abwesenheit von Alleinsein. Es sollte uns beide ergänzen, durch Freude, Vertrauen, Leichtigkeit, Verständnis.
Vielleicht besteht Achtsamkeit letztlich genau darin: die Menschen wertzuschätzen, die freiwillig und aufrichtig an unserer Seite stehen, und zugleich gelassen auf jene zu verzichten, die uns lediglich als Möglichkeit betrachten. Das Leben ist zu kostbar, um dauerhaft zweite Wahl zu sein.
Aber die Frage gilt in beide Richtungen. Nicht nur: Wen lasse ich in mein Leben? Sondern auch: Für wen bin ich ein fester Platz?
Selbstfürsorge, so verstanden, endet nicht beim Ich. Sie beginnt dort.
Zu Frau Baatz’ Frage gehört deshalb vielleicht noch eine zweite: Was braucht der andere jetzt? In Neapel war es zuerst ein Handy und dann ein entspannter Nachmittag.