Gedanken zu Michelangelos „Erschaffung Adams“

Ich kenne das Bild, wie wir alle es kennen, und spüre doch jedes Mal die Dramatik des Augenblicks. Adam liegt in seiner körperlichen Vollkommenheit da, als Krönung der Schöpfung. Zugleich wirkt er seltsam passiv, beinahe müde. Seine Hand hängt etwas kraftlos herab. Er ahnt noch nicht, was im nächsten Moment geschehen wird.
Mit entschlossenem Blick und voller Energie streckt Gott seinen Finger nach Adam aus. Zwischen beiden liegt nur ein winziger Spalt. Ich sehe den Moment vor der Berührung. Wie die Flamme einer Kerze auf eine andere übergeht, wird der göttliche Funke auf den Menschen überspringen.
Auf eine faszinierende Deutung bin ich durch einen Aufsatz des amerikanischen Arztes Frank Lynn Meshberger gestoßen, der 1990 im Journal of the American Medical Association erschien. Meshberger vertrat die These, dass Michelangelo dem roten Mantel Gottes die Form eines menschlichen Gehirns gegeben habe. Tatsächlich weisen die Konturen verblüffende Ähnlichkeiten mit anatomischen Strukturen auf. Ob Michelangelo dies bewusst beabsichtigte, lässt sich nicht beweisen. Aber er hat sich intensiv mit Anatomie beschäftigt und menschliche Leichname seziert. Er wusste, wie ein Gehirn aussieht, besser als die meisten seiner Zeitgenossen. Deshalb mag die Ähnlichkeit kein Zufall sein.

Manche sehen darin einen Hinweis auf den menschlichen Geist, den Gott dem Menschen verleiht. Das ist ein reizvoller Gedanke. Doch ich möchte mir den Schöpfungsakt nicht wie den Zusammenbau eines Möbelstücks vorstellen, bei dem zum Schluss noch ein fehlendes Bauteil eingesetzt werden muss. Ich denke eher: Michelangelo konnte das Bewusstsein nicht malen. Also malte er den Ort, an dem er es vermutete. Ich stelle mir vor, dass die Gott umgebenden Engel für die guten, positiven Gedanken stehen.
Adam ist bereits vollkommen. Sein Körper ist vollständig. Seine Schönheit ist makellos. Was ihm noch fehlt, ist etwas anderes. Ihm fehlt das Bewusstsein. Die Fähigkeit, sich selbst als Ich zu erkennen. Die Fähigkeit, die Welt wahrzunehmen und ihr Bedeutung zu geben. Die Fähigkeit, seinem Schöpfer nicht nur als Geschöpf, sondern als Gegenüber zu begegnen. Erst durch das Du wird das Ich möglich.
Dann wäre die folgende Berührung nicht die Erschaffung des Menschen, sondern die Erweckung des Selbst. Der Augenblick, in dem aus Leben Erfahrung wird. Der Augenblick, in dem aus Existenz Bewusstsein wird.
Ich spreche hier von Gott, weil Michelangelo ihn so darstellt. Ich könnte aber ebenso von der Schöpfung, von der Natur oder vom Kosmos sprechen. Der Gedanke bliebe derselbe. Das Universum brachte das Individuum hervor, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Dafür brauchte es Augen, die sehen, Ohren, die hören, und ein Bewusstsein, das Erfahrungen sammeln kann.
Darum lässt mich der Gedanke nicht los. In „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ lässt Goethe den Theaterdirektor Serlo sagen, man solle alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich wäre, einige vernünftige Worte sprechen. Dieser Rat erscheint heute fast bescheiden, beinahe wie ein Kalenderspruch. Man kann ihn als Lebenskunst verstehen, oder als eine Art geistiger Hygiene. Ich glaube aber, dass mehr dahintersteckt.
Wenn das Universum im Menschen zu Bewusstsein kommt, dann ist alles, was ich lese, höre und denke, nicht nur eine private Angelegenheit. Es hinterlässt Spuren in meinem Bewusstsein, und damit in jenem Bewusstsein, durch das das Universum sich selbst wahrnimmt. Ein Lied, ein Gedicht, ein freundliches Wort verbessern nicht nur meine Stimmung. Sie wirken über mich hinaus.
Vielleicht ist das sogar meine eigentliche Verantwortung. Das Universum hat Milliarden Jahre gebraucht, um Wesen hervorzubringen, die denken, fühlen und erkennen können. Jeder Mensch ist ein kleiner Ort, an dem das Universum über sich selbst nachdenkt. Deshalb möchte ich sorgsam damit umgehen, womit ich meinen Geist täglich nähre.
Der Placebo-Effekt zeigt immerhin, dass Erwartungen und Zuversicht reale körperliche Wirkungen entfalten können. Kein Mensch heilt allein durch Glauben. Aber Hoffnung hilft, und Angst schadet. Bewusstsein ist keine bloße Begleiterscheinung der Welt. Es wirkt in die Welt hinein. Warum sollte das nur gelten, wenn ich krank bin? Auch Worte, Bilder, Musik und Gedanken verändern Menschen. Und veränderte Menschen verändern ihre Umgebung.
Goethe wusste aus Erfahrung, dass der Mensch von dem geprägt wird, womit er seinen Geist täglich nährt. Ich stelle mir gern vor: Wenn ich seinen Rat befolge und jeden Tag etwas Wahres, Schönes oder Vernünftiges in mein Bewusstsein aufnehme, verbessere ich nicht nur mein eigenes Leben. Ich trage dazu bei, dass auch die Welt und das Universum vernünftiger, menschlicher und bewusster werden.
Und wenn sich dadurch weder die Welt noch das Universum sofort verbessern, dann vielleicht doch die Stimmung in meiner Nachbarschaft.