
Heute ließ ich es sehr ruhig angehen. Entgegen meiner Gewohnheit, sofort aus dem Bett zu springen, hörte ich mir Malcolm McLarens Platte „Paris“ an. Seit 1994 höre ich sie immer wieder gern, ganz besonders in Paris.
Ein zweites Mal hörte ich sie auf dem Weg zum Grand Palais. Wann immer ich versucht hatte, den überdachten Innenhof zu sehen, war das nicht möglich, weil gerade eine Ausstellung auf- oder abgebaut wurde. So war es auch heute wieder. Allerdings lockte und tröstete mich die Ausstellung „Cézanne et nous“ rasch darüber hinweg. Manche seiner Zeitgenossen sind heute populärer als er, obwohl sie ihn alle als Vorbild betrachteten.
Die Ausstellung zeigt sehr anschaulich die künstlerische Entwicklung Paul Cézannes (1839–1906) und den Einfluss, den sie auf seine Malerfreunde hatte und auf Künstler bis heute hat. Eine derartige Werkschau hat es so noch nie gegeben. Der Andrang war entsprechend groß.
Ich finde es immer wieder spannend, Originale aus der Nähe zu sehen. Auf Reproduktionen erkennt man die Pinselstriche meist nicht. Ich würde mich gar nicht trauen, eine Farbfläche unvollständig stehen zu lassen. Die Großen fanden offenbar nichts dabei. Das machte mir Mut für meine nächsten Bilder ;-)
Die genaue Perspektive trat immer stärker hinter den Gesamteindruck zurück. Kein Wunder, dass Maler wie Picasso und Braque sich davon inspirieren ließen und die Malerei immer abstrakter wurde. Statt weiterhin Körperlichkeit abzubilden, wofür inzwischen die Fotografie zur Verfügung stand, konzentrierten sich viele Künstler zunehmend auf geometrische Farbflächen. Wie in einem Kunstseminar an der Universität konnte man die einzelnen Schritte verfolgen.
Hier nur ein Beispiel von Cézanne und Mondrian:


Bei Picasso werden Adam und Eva zum Teil der Landschaft. Man muss schon zweimal hinsehen, um sie zu entdecken.

Auf die Spitze trieb es Ellsworth Kelly mit einem Werk, das ohne Rahmen und groß neben seiner Inspirationsquelle an der Wand hing. Es handelt sich ganz deutlich um die Repräsentation eines Sees, ohne jeden örtlichen Bezug, also nicht um die Darstellung eines bestimmten Sees, wie Cézanne sie in seinem Bild geschaffen hatte.

Die zwei neueren Stillleben von Andy Warhol und Roy Liechtenstein beziehen sich ganz ausdrücklich auf Cézannes Vorbild.

Dass das Musée Picasso gerade Kurt Schwitters zeigt, macht mich so neugierig, dass ich morgen vielleicht einmal vorbeischaue. Er soll gesagt haben: Ein Kunstwerk entsteht, indem man alle Teile entfernt, die kein Kunstwerk sind.


Die Ausstellung hat mir sehr viel Spaß gemacht und mich noch einmal auf einen Aspekt der modernen Kunst aufmerksam gemacht, den ich so bisher nicht im Blick hatte. Und wir wissen. Kunst entsteht im Auge des (wissenden) Betrachters.
Dass sich Dinge aufeinander beziehen und dadurch Neues entsteht, ist bekannt. Crossover-Küche ist ein Beispiel dafür, und hier ein besonderes:



Ich schlenderte zur Rue Mouffetard und gönnte mir einen Kaffee und ein winziges Törtchen mit Himbeeren. Ich bin ganz stolz auf mich, denn den zahlreichen Versuchungen habe ich bisher widerstanden. Bei meinem nächsten Besuch in Paris möchte ich auf alle Fälle einmal in dieser Gegend wohnen. Sie ist sehr lebhaft und liegt etwas abseits der Touristenströme.


Vor Notre-Dame standen die Leute Schlange. Innerhalb von sieben Minuten wurde ich ohne Reservierung eingelassen. Am späten Nachmittag schien die Sonne durch die Fenster und zeichnete farbige Muster auf die renovierten Mauern, allerdings nicht so opulent wie in der Sagrada Família.


Über die Rue de Rivoli, durchs Marais und an der Opéra Bastille vorbei ging ich zu meiner Unterkunft zurück. Trotz Metrofahrten habe ich heute 10 km zu Fuß zurückgelegt. Um 20 Uhr war ich mit dem Tagebucheintrag fertig. Nun mussten nur noch die Fotos bearbeitet und eingesetzt werden, dann war Feierabend.

