
Planmäßig sollte mein Zug um 10:55 Uhr vom Gare du Nord abfahren. Durch eine E-Mail am frühen Morgen erfuhr ich, dass es tatsächlich schon um 10:42 Uhr losgehen sollte.

Offenbar wird es senkrecht und nicht waagerecht aufgeschnitten. Selbst bei belegten Broten versteht Frankreich es, seinen eigenen Weg zu gehen.
Vive la différence.

Die angekündigten Demonstrationen hatten mich veranlasst, bereits um 9:00 Uhr das Haus zu verlassen, um etwaige Verkehrsbehinderungen umgehen zu können, falls es notwendig sein sollte. Am Gare du Nord fanden sich nach und nach mehr Demonstranten, aber auch Polizisten ein. Vom Café gegenüber konnte ich das bei meinem letzten französischen Frühstück beobachten. Die riesigen Schalen, in denen früher Café au lait serviert wurde, sind wohl für immer aus Paris verschwunden. Die Tassen sind in der Regel nicht viel größer als große Espressotassen.
Wenn man lange auf Reisen ist, ist im Koffer nichts mehr an seinem Platz. Gestern Morgen hatte ich alles neu geordnet und bei der Gelegenheit meine Kopfhörer wiedergefunden. Ich hatte schon den Verdacht gehabt, sie verloren zu haben. Ich benutze sie eigentlich nur, um Hörbücher zu hören. Nun aber konnte ich mit „Paris“ von Malcolm McLaren auf den Ohren im Rhythmus der Musik durch die Straßen swingen. Dadurch wurde dieser letzte große Spaziergang durch Paris zu einem besonderen Erlebnis. Mein Kopfkino hatte den richtigen Soundtrack bekommen. Très magnifique!
Mir kam der Gedanke, dass das Paris, das ich aus Büchern kenne, sich sehr verändert hat. Und dann auch wieder nicht. Vielleicht schaffe ich es, diese Bücher noch einmal zu lesen, um die Unterschiede besser benennen zu können. Vielleicht entsteht daraus sogar ein literarischer Spaziergang für meinen nächsten Besuch in Paris:
- Vater Goriot und Verlorene Illusionen von Honoré de Balzac
- Im Schatten junger Mädchenblüte von Marcel Proust
- Unterwerfung und Serotonin von Michel Houellebecq
- Das Café der Existenzialisten von Sarah Bakewell
- Die Elenden von Victor Hugo
- Die drei Musketiere von Alexandre Dumas (Vater)
- Die Kameliendame von Alexandre Dumas (Sohn)
- Madame Bovary von Gustave Flaubert
- Die Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir
Um 10:00 Uhr ging ich dann in den Bahnhof, weil ich nicht wusste, ob es hier vielleicht Sicherheitskontrollen gab. Es gab keine, und so blieb mir Zeit, das rege Hin und Her eines großen Bahnhofs zu beobachten. Umarmungen zur Begrüßung und solche zum Abschied, kleine Kinder, die müde und lustlos hinter ihren Eltern herliefen oder auf kleinen Rollern folgten, alte Menschen, die mühselig ihr Gepäck vor sich her schoben, und Geschäftsleute, die mit genervten Gesichtern angesichts dieses Treibens die erste Klasse suchten.
Der Zug fuhr tatsächlich 13 Minuten früher ab als auf der Fahrkarte angegeben. Gut, dass ich meine E-Mails morgens lese. Die Nachricht, dass ich in Brüssel den Zug wechseln musste, hatte ich nicht bekommen. Ich war in mein Buch vertieft und wunderte mich erst, als ich feststellte, dass alle ausstiegen, aber niemand mehr einstieg. Eilig packte ich die Kabel in den Rucksack und verließ irritiert mit meinem Gepäck den Zug.
Vierzig Minuten später setzten wir die Reise mit einem anderen Eurostar fort.

Das ist nicht der Bahnhof, sonder das Rijksmuseum.
In Amsterdam sprang ich gerade noch in die Straßenbahn, bevor ein kräftiger Regenschauer die Straßen unter Wasser setzte. Sie brachte mich zum Hotel Anna. Das Zimmer war so klein wie das in Paris, aber das Waschbecken war noch kleiner. Zum Rasieren musste ich in die Dusche gehen.


Frisch geduscht und in der Hose mit der Bügelfalte, sie hielt immer noch, ging ich dann zum Concertgebouw. Da ich die Gegend gut kenne, fand ich den Weg ohne die Hilfe des Navis. Unterwegs aß ich sehr lecker indisch.

Es fühlte sich ganz heimisch an, als ich im Konzertsaal Platz nahm. Ich war nicht zum ersten und hoffentlich nicht zum letzten Mal hier. Das Konzert war großartig, wie man es von einem Orchester mit Weltruf erwarten kann.



Als ich gegen Mitternacht ins Hotel kam, erschrak ich über die Nachrichten aus Frankreich. Die zahlreichen Proteste waren eskaliert, in Limoges brannte das Rathaus. Empörung, Demonstrationen und politisches Engagement sind in Ordnung, wie ich vor einigen Tagen bereits schrieb. Aber ein brennendes Rathaus und geplünderte Geschäfte sind es definitiv nicht. Das Geld für die Schäden hätte besser für die berechtigten Forderungen der Studenten ausgegeben werden können.
