
Pariser Routine heißt, im Café „À la Cornett“ zu frühstücken. Es liegt gleich um die Ecke. Nachdem ich gestern im Grand Palais die großartige gläserne Dachkonstruktion nicht hatte sehen können, wollte ich mein Glück heute im Petit Palais gegenüber versuchen.

Leider scheiterte auch dieser Versuch. Die Terrasse im Innenhof des Palais war geschlossen, die Ausstellung allerdings nicht. Ich sah Bilder vom Ende des 19. Jahrhunderts von älteren Malerkollegen Cézannes. Sie zeigten in ihren Bildern die sozialen Verhältnisse der Unterschichten. Was für ein Unterschied. Ich fotografierte einige Werke und Beschreibungen, um an den kommenden verregneten Herbst- und Wintertagen mehr über diese Künstler und ihre Werke in Erfahrung zu bringen.



Kürzlich las ich „Das Café der Existenzialisten“ von Sarah Bakewell. Eines dieser Cafés ist das Café de Flore am Boulevard Saint-Germain. Hier und im benachbarten Les Deux Magots saßen Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Ernest Hemingway, Pablo Picasso, James Joyce, André Gide, Juliette Gréco, Dora Maar, Alberto Giacometti, Simone Signoret, Yves Montand, Truman Capote, Karl Lagerfeld, Michel Houellebecq, James Baldwin und Marguerite Duras und dachten über den Lauf der Welt nach. Ach, wie gern wäre ich dabei gewesen!

Vielleicht saßen auch heute ein paar Philosophen vor dem Bistro. Wer weiß. Man kann den Menschen ja nur vor den Kopf gucken. Am Nebentisch saßen fünf superblonde Schwedinnen wie aus einem Sonntagabendfilm im ZDF.


Ich versuchte, der vergangenen Atmosphäre des Lokals nachzuspüren, indem ich die Zeit nutzte und meine flanierenden Gedanken über Michelangelo und die Schöpfung notierte.
Nach einer kleinen Käseplatte und einem Schlückchen Wein ging ich weiter über den Boulevard Saint-Germain in Richtung Bastille und anschließend zur Avenue Daumesnil, wo ich wohne.

Unterwegs entdeckte ich an einer Litfaßsäule ein Plakat, das auf ein Musical zu Ehren der wunderschönen Sängerin Dalida hinwies. Am Abend sollte Premiere sein, danach ging das Musical auf Tournee. Ich hatte ihre Songs „Salma ya salama“, „Gigi l’amoroso“ und „Paroles, paroles“ sehr geliebt und sie auf meiner Reise im Jahr 1979 durch Algerien überall gehört.

Eine andere, fast verstörende Beobachtung hatte ich am Vormittag gemacht. Mehrere Arbeiter konnte ich auf ihrer Baustelle arbeitend fotografieren. In Italien hatte ich ähnliche Arbeitsabläufe bereits beobachtet. Ein interessantes internationales Konzept, das man auch in Deutschland einführen sollte. Zwar trifft man dort ebenfalls Arbeiter auf Baustellen an, doch beschäftigen sie sich häufig damit, einem arbeitenden Kollegen aufmerksam zuzusehen.

Zu Abend aß ich eine leckere Kleinigkeit im Bistro Viaduc, wo ich mich mit einigen Studenten unterhielt. Sie erzählten mir, dass es am nächsten Tag zu großen Demonstrationen kommen werde. Die Kürzungen des Bildungsetats müssen wirklich krass sein, aber noch schlimmer ist das Verhalten der Polizei, die einfach drauflos prügelt. Darüber berichtet hier sogar die bürgerliche Presse. Mögen die berechtigten Forderungen der Studenten Gehör finden. Wir brauchen überall in Europa gut ausgebildete Menschen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas oder seltene Erden gibt es in Europa nicht genügend.


Für eine 43 qm große Eigentumswohnung bezahlt man 583.000 Euro. Die Monatsmiete für ein 45,91 qm großes Studio beträgt 1.474 Euro.
