
Noch ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Abend.
Weil es kalt und regnerisch war, hatte ich mir „Wir Kellerkinder” von 1960 auf YouTube angesehen. Wolfgang Neuss schrieb das Drehbuch und spielte die Hauptrolle. Der Film ist eine bissige Satire auf den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Ost und West.
Mit viel schwarzem Humor zeigt er, wie ehemalige Nationalsozialisten schon wenige Jahre nach dem Krieg wieder in Ämtern, Institutionen und Alltag angekommen waren, während man sich gleichzeitig bemühte, die eigene Vergangenheit zu vergessen. Neben Wolfgang Neuss sind unter anderem Karin Baal, Ingrid van Bergen und Erik Ode zu sehen. Auch mehr als sechzig Jahre später wirkt der Film erstaunlich mutig und unangenehm aktuell.

Der Munttoren von 1620 liegt an der Gracht Singel, gleich beim Blumenmarkt, der eigentlich ein Markt für Do-it-yourself-Blumen ist. Man kann dort Blumenzwiebeln für allerhand Blumen kaufen, vor allem Tulpen.

In der Nähe liegt auch das Tuschinski-Theater. Dieses Kino wollte ich schon seit Jahren besuchen. Es ist eines der schönsten Kinos Europas.

Der Name geht auf Abraham Icek Tuschinski zurück, einen aus Polen stammenden jüdischen Unternehmer. Er wurde 1886 in Brzeziny bei Łódź geboren und wollte ursprünglich nach Amerika auswandern. Auf dem Weg dorthin blieb er jedoch in Rotterdam hängen, arbeitete zunächst als Schneider und wurde dann ein äußerst erfolgreicher Kinobetreiber.

Sein größter Traum war ein Filmpalast von internationalem Rang. Diesen Traum verwirklichte er mit dem Tuschinski-Theater, das am 28. Oktober 1921 eröffnet wurde. Das Gebäude vereint Elemente des Art déco, des Jugendstils und der Amsterdamer Schule, wie ich bei Wikipedia nachgelesen habe. Schon damals galt es als außergewöhnlich luxuriös und war das größte Kino der Niederlande.

Vor dem Eingang liegt ein Stolperstein mit dem Namen Tuschinski. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande verlor Tuschinski seine Kinos, sie wurden von den Besatzern übernommen und in „Tivoli” umbenannt. Tuschinski selbst wurde 1942 zunächst in das Lager Westerbork deportiert und anschließend nach Auschwitz verschleppt, wo er am 17. September 1942 ermordet wurde. Der Stolperstein macht aus dem berühmten Namen über dem Eingang wieder einen Menschen, der Amsterdam eines seiner schönsten Bauwerke schenkte und selbst Opfer des Holocaust wurde.

Was für ein Luxus, morgens um 11 Uhr ins Kino zu gehen. Das kenne ich sonst nur von meinen Berlinale-Besuchen. In einem der kleineren Säle mit Loveseats sah ich „Sense and Sensibility” nach Jane Austen.

Nicht die unübertreffliche Verfilmung von 1995. Emma Thompson, Kate Winslet und Alan Rickman setzten damals einen Standard, den die Neuverfilmung nicht erreicht. Der neue Film legt seinen erzählerischen Schwerpunkt auf die Beziehung der Dashwood-Schwestern, was ihn sehenswert macht, wenn man Jane-Austen-Verfilmungen mag. Als Abonnent sonntagabendlicher Schmonzetten gehöre ich dazu.
Mir haben die beiden älteren Schwestern, gespielt von Daisy Edgar-Jones und Esmé Creed-Miles, sehr gefallen. Nett war auch das Wiedersehen mit Caitríona Balfe, die ich aus der Serie Outlander kenne. Die Filmmusik ist sehr emotional, und viele Szenen möchte man am liebsten gerahmt an die Wand hängen. Die Landschaften von Dorset und Devonshire bei Exeter sind wirklich so schön wie im Film.

Das H’ART Museum zeigt eine Matisse-Ausstellung mit Werken aus dem Centre Pompidou, Paris. Da ich die Bilder kenne und der Eintritt fast 30 Euro kostet, ging ich an diesem sonnigen Nachmittag lieber weiter spazieren.


Auf dem Markt gab es einen Stand, an dem unzustellbare Warenlieferungen verkauft wurden. Für 2,99 Euro je 100 Gramm erhielt man eine verschlossene Packung, deren Inhalt niemand kannte. Aus jedem Päckchen wurde so eine moderne Wundertüte, die vielleicht mehr versprach, als sie einhalten konnte. Man kaufte nicht in erster Linie eine Ware, sondern die Möglichkeit einer Überraschung. Neugier und Spielsucht hatten hier ihre gemeinsame Spielwiese gefunden.

Wie bei allen meinen Besuchen landete ich im De Dakduif in der Albert Cuypstraat, wo es einen warmen Apfelkuchen gibt, der seinesgleichen sucht. Diese Straße ist in Amsterdam legendär und mit Sicherheit der abwechslungsreichste Streetfood-Markt, den ich kenne. Darum gehört sie bei jedem Amsterdam-Besuch zum festen Programm.

Im Vondelpark machte ich auf einer Parkbank eine kleine Pause, bis die Sonne hinter den Häusern verschwand. Bevor ich die steilen, engen Stufen zu meinem Zimmer im zweiten Stock hinaufstieg, aß ich noch etwas in einem indischen Restaurant. Nicht nur auf den Straßen, auch in den zahllosen Restaurants der Stadt ist das Angebot an internationalen Küchen riesig, und ich denke, ausnahmslos gut.
