09.10.2026 Marseille

Da ich am Abend in die Oper gehen wollte, sollte der Tag schön und entspannt werden, ohne große Anstrengungen. Ich flanierte einfach drauflos. Dabei entdeckte ich, dass die Stadt einen eigenen Triumphbogen hat, die Porte d’Aix. Wenn DT das mitbekommt, will er bestimmt zwei für Washington.

Man sieht der Stadt an vielen Stellen ihren Reichtum an, aber auch ihre Armut. An manchen Schulgebäuden hängen die Rollos schief vor den Fenstern, weil sie seit Langem kaputt sind. Erst gestern hatten Schüler und Studierende für bessere Schulen demonstriert.

Es gibt eine Metro in Marseille, aber unterirdisch sieht man nichts von der Stadt. Ich ging also zu Fuß. Mein erstes Ziel war das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers, das MuCEM. Der spektakuläre Bau liegt am Hafen in der Nähe einer alten militärischen Bastion. Für die Ausstellung nahm ich mir wenig Zeit, denn es fehlte an englischen Beschriftungen.

Laut Reiseführer bekommt man ohne vorherige Reservierung kein Ticket für das benachbarte Gebäude mit einer originalgetreuen Nachbildung der Unterwasserhöhle von Cosquer. Ich versuchte es trotzdem und bekam eins. 37 Meter unter dem Meeresspiegel liegt heute der Eingang der Höhle, den der Taucher Henri Cosquer bereits 1985 entdeckte. Erst 1991 wurde sie mit ihren prähistorischen Wandmalereien öffentlich bekannt. Menschen hatten sie schon vor rund 33.000 Jahren aufgesucht und dort Malereien und Gravuren hinterlassen.

Ähnliche Darstellungen hatte ich bereits am 14.09.2023 in der Höhle von Rouffignac im Périgord gesehen. Ihre Kunstfertigkeit beeindruckt mich, noch mehr aber der Wunsch, mit diesen Zeichen und Malereien kommunizieren zu wollen. Sicherlich haben die Künstler dabei nicht an uns gedacht, aber dennoch vermittelt sich der Inhalt des Dargestellten unmittelbar. Die Präsentation ist großartig gemacht und entspricht dem neuesten Stand der Technik. Eine gut investierte Dreiviertelstunde.

Die große Kathedrale La Major kann ich nicht links liegen lassen. Auf dem Weg dorthin komme ich an Filmdreharbeiten vorbei und an einem Kastenwagen, einer alten „Ente“. Beides macht mir Spaß. Und die Kirche ist groß.

Um Energie zu sparen, springe ich auf einen Hop-on-hop-off-Bus und fahre in Richtung Plage des Catalans weiter. Das 7. Arrondissement scheint das Blankenese von Marseille zu sein. An den Hängen stehen herrlich alte und neue Villen. Der Weg hinauf zur Basilika Notre-Dame de la Garde wird immer steiler, die Straßen werden immer enger, und der Bus kommt nur noch mühsam voran.

In der Basilika gefällt mir besonders, dass über der wachenden Maria mit dem Jesuskind ein Segelschiff hängt. Marseille lebt seit Jahrhunderten vom Meer, und die Kirche ist den Seeleuten besonders verbunden. Das Schiff erinnert an die zahlreichen Votivgaben, mit denen Menschen für die Rettung aus Stürmen und für eine sichere Heimkehr dankten. In einer Hafenstadt wie Marseille wirkt ein Segelschiff über den Köpfen der Besucher fast selbstverständlich.

Am Vieux-Port steige ich in die Metro um, steige zwei Stationen später am Bahnhof aus und kehre für einen kurzen Mittagsschlaf in die Unterkunft zurück.

Ausgeruht steige ich in die Hose mit der Bügelfalte und fahre zur Oper. Es ist schier unmöglich, in der Nähe vorher etwas zu essen zu bekommen. Die Lokale bieten warme Küche erst ab sieben Uhr an, also genau dann, wenn die Oper ihre Pforten öffnet. Da ich sehr gespannt auf das Innere des Hauses bin, begnüge ich mich mit einem leckeren Käsesalat. Käse können die Franzosen definitiv besser als die Italiener.

Am Ende blieb von diesem vermeintlich ruhigen Tag die Erkenntnis, dass entspanntes Flanieren, kleine Umwege, Kaffeepausen und neugierige Abstecher sich ganz unbemerkt zu 15.600 Schritten = ca. 11 km summieren können. So viel also zum Vorsatz, es heute etwas ruhiger angehen zu lassen. 

Das ist Design und nicht etwa im Sommer geschmolzen.

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