
Der Sturm tobte die ganze Nacht hindurch. Die Wellen tosten so laut gegen die Felsen am Ufer vor meinem Schlafzimmer, dass ich kaum ein Auge zutun konnte. Bei Sonnenaufgang stand die Straße zum Teil noch unter Wasser.
Am Vormittag fuhr ich in die Stadt, weil es laut Google dort ein Büro der Reederei GNV geben soll. Die angegebene Adresse stimmte nicht. An dieser Stelle, der Via Cardinale Dusmet 2, gibt es ein renoviertes Hafengebäude, in dem ich neben sehr viel Leerstand auch ein paar wenige Büros fand. Ein Yachtverleiher wusste, dass es GNV-Büros nur in Palermo gibt. Google ist auch nicht mehr das, was es mal war: zuverlässig.

Bar, Restaurant und Veranstaltungsfläche im Gebäude waren ebenso leer wie die Flaschen in den Regalen.
Etwas angesäuert ging ich Richtung Zentrum, wo sich meine Stimmung schnell änderte. Ich konnte ein Ticket für heute Abend kaufen: I Puritani von Bellini. Da das schöne Teatro Massimo Bellini wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist, wird die Oper im Teatro Metropolitan in der Via Etna um 20:30 Uhr aufgeführt.

Der Weg zum Wochenmarkt führte mich am großen Bellini-Denkmal vorbei, wo gerade eine Kindergruppe an einem Malwettbewerb teilnahm. Ich bin immer wieder berührt zu sehen, wie selbstverständlich die Kinder hier an die Kunst herangeführt werden und mit welcher Freude sie dabei sind. Während sie malten, tönte aus Lautsprechern die Musik des Meisters. Ab hier war ich voller Vorfreude auf den Abend.

Hinter einem Fischstand konnte man seinen Einkauf gleich braten lassen. Frischer kann man eine Dorade nicht essen. Den Salat dazu gab es gratis.

Ob diese Mokkazubereiter für Afrikareisende bestimmt sind, weiß ich nicht. Aber ein Hingucker sind sie in jeder Küche.
Für die zwanzig Kilometer nach Acireale brauchte ich wie immer eine halbe Stunde. Bei offenen Fenstern rollten die vertraute Landschaft und die verschiedenen Ortsteile an mir vorbei. Es war herrlich.
Noch herrlicher war der Mittagsschlaf, zu dem ich mich aufs Bett legte. Der späte Beginn der Oper, die mit Pausen vier Stunden dauerte, musste entsprechend vorbereitet werden.

Bevor ich in das moderne Teatro Metropolitan ging, nahm ich den Aperitivo in der Via Etna. Bei 23 Grad draußen zu sitzen, ist ganz herrlich. Ein perfekter Sommerabend. Heute Abend kam meine dunkle Hose mit Bügelfalte zum Einsatz.

I Puritani von Vincenzo Bellini aus dem Jahr 1835 ist Bellinis letzte Oper und gilt als seine schönste. Die Handlung spielt während des englischen Bürgerkriegs zwischen Puritanern und königstreuen Anhängern der Stuarts. Die Oper ist jedoch weniger ein politisches Drama als eine Geschichte über Liebe, Eifersucht, Wahnsinn, Verrat und Begnadigung. Alles wie bei Rosamunde Pilcher sonntagabends im Fernsehen.

Die Nummern der Sitze sind auf der Rückenlehne platziert, was alle veranlasst sich vor dem Hintermann, sofern er schon Platz genommen hat, zu verneigen.
Aufgrund der englischsprachigen Obertitel konnte ich der Handlung folgen: Riccardo liebt Elvira, die ihn aber nicht, obwohl sie ihm versprochen war. Elvira liebt Arturo, der mit dem roten Mantel und er sie. Der Vater ist einverstanden, die Hochzeit angesetzt, der Brautschleier liegt bereit. Man ahnt, dass das nicht gut gehen kann.
In der Festung sitzt nämlich eine Königin gefangen und wartet auf ihre Hinrichtung. Es ist die Witwe Karls I., der seinen Kopf bereits verloren hat. Arturo, wie Charles bei Pilcher, der sonst Elefantenbabys rettet, kann das nicht mit ansehen. Er wirft der Königin Elviras Brautschleier über und verschwindet mit ihr.

Riccardo könnte die beiden aufhalten, lässt sie aber ziehen. Ein Rivale weniger. Elvira zieht den naheliegenden Schluss, dass Arturo sie verlassen hat, verliert den Verstand und läuft fortan barfuß über die Bühne. Dabei singt sie wahnsinnig schön. Das Parlament verurteilt Arturo derweil in Abwesenheit zum Tode.
Im dritten Akt kehrt Arturo heimlich zurück. Die Königin hat er offenbar irgendwo sicher abgestellt, man hört nie wieder von ihr. Er erklärt sich, und Elvira wird wieder klar im Kopf. Gerade rechtzeitig, um zu erfahren, dass ihr Bräutigam nun hingerichtet werden soll.

Wie bei Pilcher kurz vor 22 Uhr, bei uns war es nun schon 00:30 geworden, trifft ein Bote ein: Die Stuarts sind geschlagen, Cromwell erlässt eine Amnestie. Arturo ist begnadigt, Elvira ist glücklich, der Hochzeit steht nichts mehr im Wege. Verloren haben nur die Stuarts, aber die waren ja auch nicht eingeladen.

Eine Geschichte wie aus dem Leben oder der Praxis einer Paarberatung. Mit einer WhatsApp-Nachricht hätte Arturo sich erklären können, und man hätte sich zwei Akte gespart, aber auch viel schöne Musik. Bellini komponiert drei Stunden lang eine Katastrophe und verwandelt sie in den letzten Minuten in ein Happy End, wie Pilcher vor dem heute journal.
Die Musik ist wunderschön, die Sänger und der große Chor waren großartig. Kurz und gut: ein eindeutiger Punktsieg der Schönheit der Kunst über den Verstand und die Logik der Handlung.