05.10.2026 Palermo

Im B&B waren wir drei Alleinreisende. Für jeden war ein eigener Tisch gedeckt. Die 79-jährige Frau aus Las Vegas und die 66-Jährige aus Karlsruhe änderten das im Handumdrehen und saßen wenig später fröhlich plaudernd an einem Tisch. Wer allein reist, will deshalb noch lange nicht allein frühstücken.

Ich ließ mich von meiner Neugier durch die Altstadt treiben, mäanderte durch enge Gassen, überquerte belebte Straßen und entdeckte hinter der nächsten Ecke immer wieder kleine, stille Plätze.

Dabei kam ich an der Fontana Pretoria vorbei, die die Palermitaner bis heute gern „Brunnen der Schande“ nennen. Die zahlreichen nackten Götter, Nymphen und Flussgötter galten vielen Zeitgenossen als anstößig. Auch Goethe stand während seines Aufenthalts 1787 vor dem Brunnen und erwähnte ihn in seiner Italienischen Reise.

Von der Beletage des Palazzo Bonocore hat man einen wunderbaren Blick auf den Brunnen. Dazu gibt es guten Kaffee und ausgezeichneten Kuchen, eine Kombination, die den Aufenthalt länger werden lässt als geplant.

Wer mich kennt, weiß, dass ich regelmäßig Filmfestivals besuche. Allein in Hamburg gibt es eine ganze Reihe davon. Das Schöne daran ist, dass man Filme sehen kann, die nie den Weg in die regulären Kinoprogramme finden. Meist wurden sie für den heimischen Markt produziert und eröffnen Einblicke in Lebenswelten, die Reisenden sonst verborgen bleiben.

Beim letztjährigen Queer Filmfest wurde der italienische Dokumentarfilm Quir – Eine Palermo-Liebesgeschichte gezeigt. Der Film erzählt von einer ungewöhnlichen Liebe zwischen zwei Männern, ihren sagenhaften Nachbarn und einem Stadtviertel. Damals nahm ich mir vor, bei meinem nächsten Aufenthalt in Palermo den Handtaschenmacher Massimo Milani zu besuchen. Nun war es so weit.

Er freute sich über den Besuch und über das Interesse an dem Film. Ich mich über die Begegnung mit einem besonderen Menschen. Übrigens läuft der Film ab 20.10.2026 in deutschen Kinos. Ich hoffe, dass der Trailer Lust macht, ins Kino zu gehen und erklärt, was ich so liebenswert an Palermo und Sizilien finde.

Nur wenige Schritte von seinem Laden entfernt liegt der berühmte Straßenmarkt Ballarò. Die Auslagen sind verführerisch, der Lärm ohrenbetäubend und das Gedränge mitunter einschüchternd. Hat man jedoch einen Platz ergattert, fühlt man sich wie im Schlaraffenland. Man zeigt auf etwas, und wenige Augenblicke später liegt es auf dem Teller.

So opulent wie die Speisen ist auch die barocke Ausstattung der Chiesa del Gesù di Casa Professa. Die Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben schwer getroffen und später vollständig restauriert. Die Deckengemälde entstanden in den 1950er Jahren. Besonders beeindruckend ist Federico Spoltores Jüngstes Gericht, das sich über das gesamte Langhaus erstreckt.

Im Mittelpunkt des Bildes liegt eine Bibel. Über ihr geleiten Engel die Menschen in den Himmel, auf den Jesus herabblickt. Unterhalb der Bibel stürzen die Ungläubigen in die Verdammnis. Die Perspektive Christi erinnerte mich an die Darstellungen des Gekreuzigten von Salvador Dalí, während die gesamte Komposition unweigerlich Assoziationen zu Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle weckt.

Die vielen jungen Frauen mit Lorbeerkränzen im Haar, die durch die Stadt gingen, standen an diesem Tag allerdings nicht vor dem Jüngsten Gericht. Ihre Prüfungskommission zum Abschluss ihres Studiums hatten sie bereits erfolgreich hinter sich.

Am Abend traf ich Lynne Gail im B&B, und gemeinsam gingen wir zur Oper. Dort tranken wir einen Aperitivo und beobachteten das Defilee der Nachtschwärmer. Bei immer noch 24 Grad spielt sich das Leben weitgehend auf Straßen und Plätzen ab. Hinter den Fenstern brennt nur vereinzelt Licht. Palermo scheint an solchen Abenden beschlossen zu haben, noch lange nicht schlafen zu gehen.

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