
Der Sonnenaufgang war großartig und ließ kaum noch erahnen, wie stürmisch die Nacht gewesen war. Das Getöse der hohen Wellen, die auf die Felsen vor dem Haus schlugen, ließ mich nur unruhig schlafen. Im Frühjahr hatte ein Sturm direkt vor dem Haus einen Teil des Fußwegs weggerissen. Zum Glück erreichte der nächtliche Wind dieses Mal nicht dieselbe Wucht.

Allerdings zog eine dunkelviolett gefärbte Wolke wie eine Fahne vom Ätna herüber, den ich von hier aus zwar nicht sehen kann, dessen Anwesenheit aber doch ständig spürbar ist. Täglich wische ich die feine Vulkanasche vom Gartentisch. Erika erzählte mir, dass bei größeren Ausbrüchen manchmal sogar Besen und Schaufel nötig seien.


Die Zitronen sind abgeerntet und die neuen Triebe leuchten in hellem Grün.
Ich beschloss, eine kleine Rundfahrt zu machen, um den Vulkan wenigstens aus der Ferne zu sehen. Nach Pozzillo und zum Hafen von Riposto fährt man von Acireale aus nicht lange. Über dem Ätna stiegen Wolken in verschiedenen Schattierungen auf. Manche waren hellgrau, andere dunkel, gelegentlich auch bedrohlich tiefschwarz. Dennoch war die Entfernung groß genug, um nichts davon zu riechen. Die Luft fühlte sich vollkommen normal an.

Von dort fuhr ich weiter hinauf nach Milo. Der Ort liegt auf etwa siebenhundert Metern Höhe an der Ostflanke des Ätna. Schon auf der Anfahrt fiel auf, dass ungewöhnlich viele Mountainbiker unterwegs waren. Erst später erfuhr ich, dass am Sonntag der Ätna-Marathon stattfindet, eines der bekanntesten Mountainbike-Rennen Siziliens. Der Marathon ist über rund 63 km mit etwa 2.000 Höhenmetern ausgeschrieben. Die Fahrer werden sich durch Lavafelder, Wälder und über die Hänge des Vulkans kämpfen. Das erklärte einiges.
Überall begegneten mir Männer mit knallroten Gesichtern in grellbunten Lycra-Anzügen, die sich auf ihren Mountainbikes die Bergstraßen hinaufquälten und die Kurven so schnitten, dass mir manchmal fast das Herz stehen blieb. Wahr ist, dass jeder, der sich einer solchen sportlichen Leistung stellt, Respekt verdient. Wahr ist aber auch, dass Radleroutfits ebenso wenig lügen wie Leggings oder Hotpants.

Zum Kaffee war ich mit Erika verabredet. Vor einigen Tagen hatte ich ihr meine Essays Flanierende Gedanken geschickt. Nun saßen wir zusammen und gingen ihre Notizen durch. Text für Text. Meine Essays verstehe ich als Gesprächsangebote. Und ich freue mich riesig, wenn so ein Gespräch tatsächlich stattfindet. Für die kommenden Tage haben wir jedenfalls genügend Stoff für weitere Diskussionen.

Am Abend fuhren wir nach Aci Castello und aßen im Hafen zu Abend. Vor uns lagen die Marina und die Zyklopenfelsen. Das Licht wurde weicher, die Boote schaukelten leicht in ihren Liegeplätzen, und für einen Moment wirkte alles erstaunlich ruhig.
Kaum war ich wieder zu Hause, begann der Regen. Von den angekündigten Filmarbeiten war weit und breit nichts zu sehen. Die Straße vor dem Haus stand zeitweise unter Wasser, und das Meer tobte erneut gegen die Felsen.
Die Energie des Windes und des Meeres wirkt auf mich seltsam belebend. Mehrmals stand ich auf und trat ans Fenster. Ich bin gern am Meer, vielleicht weil der Blick hier kaum Grenzen kennt. In Hamburg wird er oft von Häusern, Straßen oder Parks eingefangen. Hier dagegen wandert er vom Horizont zum Himmel, weiter zu den Sternen und zum Mond, bis in eine Endlosigkeit hinein, die leider nicht mit der Dauer meines Aufenthalts übereinstimmt.
