

Den Umweg über Barcelona nahm ich, weil ich unbedingt das Kreuz auf dem Jesus-Turm und die Symbole auf den vier Türmen der Evangelisten sehen wollte.

Im Oktober 2018 war ich mit Monika schon einmal in Barcelona und selbstverständlich auch in der Sagrada Família. Meine Faszination für große alte Kirchen habe ich in meinen Reisetagebüchern schon häufiger beschrieben. Dass Menschen eine Krypta zu bauen beginnen, obwohl sie wissen, dass sie das vollendete Bauwerk niemals sehen werden, beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. Einen Stein zu berühren, der hier vielleicht vor mehr als hundert Jahren oder in Agrigento vor mehreren tausend Jahren gesetzt wurde, lässt mich geradezu erschauern.

Seit 2018 waren der Marien-Turm mit seinem leuchtenden Stern, die vier Türme der Evangelisten sowie zahlreiche Bereiche der Basilika fertiggestellt worden. Die Arbeiten näherten sich sichtbar ihrem Abschluss.
Antonio Gaudí selbst hat nur eine Fassade vollständig gestaltet, in dem Bewusstsein, dass seine Nachfolger eigene, ihrer Zeit entsprechende Ideen in sein Konzept einbringen würden. Das hat Größe.

Der Audioguide half sehr, die vielen Verweise auf die Natur, die Bibel und die Mathematik zu verstehen. Die Fassaden lassen sich wie eine steinerne Bibel lesen. Das Innere dagegen ist weniger für das Erzählen als für die stille Andacht gedacht. Deshalb verzichtete Gaudí dort weitgehend auf die Fülle von Bildern und Figuren, die man aus vielen anderen Kirchen kennt. Licht, Farben und die waldartige Architektur übernehmen ihre Aufgabe. Nach gut vier Stunden hatte ich alle Winkel, und davon gibt es sehr viele, erkundet und ausgiebig betrachtet. Als Experte für Sonnenaufgänge möchte ich behaupten, dass das Farbspiel des Lichts auf den Säulen einem Sonnenaufgang in nichts nachsteht.

Die tragenden Säulen standen wie Bäume, die ein riesiges Blätterdach tragen, durch das Sterne funkeln. Erstaunlich, dass diese zierlichen Stämme die vielen Türme tragen, von denen es eines Tages achtzehn geben soll.
Am 20. Februar 2026 wurde das letzte Segment des Kreuzes auf den Jesus-Turm gesetzt. Gefertigt hatte man das fast hundert Tonnen schwere Kreuz aus Stahl und Glas in Deutschland. Mit 172,5 Metern ist die Sagrada Família seither die höchste Kirche der Welt.

Dennoch bleibt sie bewusst etwas niedriger als Barcelonas Hausberg Montjuïc, weil Gaudí der Auffassung war, dass menschliche Werke die göttliche Schöpfung nicht überragen sollten.


Am Ende der Besichtigung hatte ich einen steifen Nacken.

Er begann sich auf dem dreißigminütigen Fußmarsch allmählich zu lockern, als ich entdeckte, dass an diesem Nachmittag um 17.30 Uhr im Palau de la Música Catalana ein Konzert zu Ehren von John Williams und Hans Zimmer gegeben wurde. ein Konzert mit Filmmusik vom allerfeinsten!

Ich eilte auf direktem Weg durch die belebten Straßen der Altstadt zu dem wunderschönen Konzertsaal. Vor dem Konzert aß ich eine getrüffelte Kartoffeltortilla, danach gab es Zitronenkuchen. Auf die Sahne verzichtete ich.

Monika und ich hatten im Palau seinerzeit ein wunderbares Konzert erlebt und die prachtvolle Jugendstil-Ausstattung bewundert. Steine und Gebäude können nicht sprechen. Gerade deshalb bewahren sie Erinnerungen so zuverlässig. Wer nach Jahren an einen vertrauten Ort zurückkehrt, begegnet nicht nur der Vergangenheit des Hauses, sondern auch seinem früheren Ich.


Ebenso zuverlässig, vielleicht sogar inniger, bewahrt Musik Erinnerungen auf. Die Musik, die John Williams zu Star Wars, Superman, E.T. und Schindlers Liste schrieb, und Hans Zimmers Partituren zu Gladiator, Fluch der Karibik, The Da Vinci Code, Inception und Interstellar sind eigenständige Kunstwerke, die ihre Filme tragen und Generationen verbinden. Kaum ein heute lebender Mensch dürfte nicht wenigstens einen dieser Filme gesehen und diese Musik gehört haben. Große Orchesterwerke entstehen heute wohl vor allem dort, wo Filmstudios sie in Auftrag geben und bezahlen. Ich bin ein großer Fan von Filmmusik und war sehr glücklich, dieses Konzert des Orquestra Simfònica del Vallès unter der Leitung von Jhoanna Sierralta in diesem traumhaft schönen Raum erleben zu können.

Es war ein Tag der Architektur, in einem Jahr, in dem Barcelona Welthauptstadt der Architektur war, und als Sahnehäubchen gab es ein Konzert dazu. Ganz verzichtet hatte ich auf die Sahne also doch nicht. Was für ein schöner Sonntag.
Sagten sich wohl auch die vielen Menschen an der Playa.

