Zu meiner täglichen Routine gehört, dass ich vor der Meditation zwei Gebete spreche. Dass ich heute weit mehr Gebete und weit inbrünstiger sprechen würde, ahnte ich am Morgen nicht.

Gegen halb elf Uhr kam ich am Acquario di Cala Gonone an. Die Fahrt dorthin war sehr schön und führt vom Hochland zum Meer. Bevor das Meer sichtbar wurde, musste ich durch einen Tunnel fahren, denn das Supramonte-Gebirge steht wie eine Mauer davor.
Das Aquarium ist klein, aber gut kuratiert. Es gibt nur wenige Becken mit Tieren, aber viele ausführliche und gute Erklärungen zur Aquakultur und zum Plastik im Wasser.

Mein nächstes Ziel war der Gorropu Canyon. Die Fahrt dorthin war spektakulär. Immer höher führte die Straße in endlosen Serpentinen in die Höhe des Supramonte-Gebirges. Die verschiedenen Aussichtspunkte boten einen weiten Blick über die Hochebene und die begrenzenden Bergzüge und kurze Erholung. Rechts neben der Leitplanke ging es wohl zweihundert Meter senkrecht in die Tiefe.

Der Gorropu Canyon ist nicht „einer der größten“ im Sinn von Fläche oder Länge, sondern wird in den meisten Quellen als einer der tiefsten natürlichen Canyons Europas beschrieben, mit Felswänden bis über Metern Höhe und einer Breite von teils nur – Metern.

Laut Reiseführer soll die leichte Route ab der Brücke nur zweieinhalb Stunden dauern. Bei dreißig Grad und genügend Wasser im Rucksack erschien mir das machbar. Für achtundzwanzig Euro wurde ich zusammen mit zwei Frauen in einem alten Landrover eine halbe Stunde lang über eine unbefestigte Schotterpiste, vierhundertdreißig Höhenmeter ins Tal gefahren. Für die wissenschaftlich interessierte Leserin: Die Höhenmeter konnte ich mit meiner Armbanduhr von Apfel messen. Angesichts der tiefen Abgründe entsprangen mir viele fromme Stoßgebete.



Von dort ging die Wanderung los. Zuerst mussten wir über die Steine eines zur Zeit trockenen Flussbettes klettern und dann fast drei Kilometer ständig bergauf wandern. Kurz vor Ende des leichten Hinweges waren wir gezwungen, über riesige Steine nach unten zum Eingang des Canyons zu klettern.

Nach sechsundfünfzig Minuten stand ich vor dem Büdchen, um für sechs Euro Eintritt zu bezahlen. Da schaltete sich die Notversorgung meines Verstandes ein und sagte: Nein. Denn der dreißigminütige Weg durch den Canyon war durch riesige Felsbrocken versperrt. Und ich wollte mein Glück nicht weiter herausfordern. Ich machte mich nach zehn Minuten Pause auf den Rückweg, in Begleitung zweier Frauen aus London.
Insgesamt brauchte ich eine Stunde dreiundfünfzig Minuten für die 6,04 Kilometer. Frustrierend ist nicht, dass ich den Canyon nicht gesehen habe, sondern dass ich für diese Schinderei nur sechshundertfünfundvierzig Kilokalorien verbraucht habe. Das entspricht gerade einmal hundert Gramm Schokolade.
Auf der Rückfahrt mit dem Jeep gab es noch einmal Grund zu beten, als wir an einer engen, sehr steilen Stelle rückwärts fahren mussten, um dem entgegenkommenden Jeep Platz zu machen.

Nach einem Päuschen mit gekühlten Getränken musste ich mich beeilen, um rechtzeitig nach Oristano zu kommen, denn Check-in ist um achtzehn Uhr. Und ich brauchte laut Navi zwei Stunden Fahrzeit.


Die Tempobegrenzungen in Italien sind sonderbar. In den engen Gassen der Altstädte darf man fünfzig fahren. Bei der Einfahrt in eine Stadt nur dreißig. Auf geraden Autobahnen kann es passieren, dass man Schilder mit vierzig oder siebzig sieht, an die sich aber keiner hält. Streckenabschnitte mit zahlreichen Serpentinen, wo man sicher nur vierzig oder fünfzig fährt, sind wiederum mit neunzig angegeben. Es ist aber nicht so, dass sich italienische Autofahrer überhaupt an diese Beschilderung halten. Wenn man in Deutschland eine Toleranz von zehn Prozent einkalkuliert, sind es hier oft hundert.
Das ist nur eine Eigenart. Interessant finde ich aber, dass das Navi von Google die Fahrzeit nicht nach den vorgegebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen ausrechnet, sondern nach einer viel höheren.
Auf die Minute pünktlich bin ich an meiner Unterkunft in der Altstadt von Oristano angekommen. Um Haaresbreite hätte ich mich komplett in den engen Gassen festgefahren, und das ist wörtlich zu verstehen. Ich hatte den Wagen so verkeilt, dass ich ihn nur noch zentimeterweise und mit vielen Gebeten heil um die Ecke brachte.
Die Oberin des Monastero Santa Chiara öffnet mir persönlich die Tür zu meiner Unterkunft. Das Kloster der Klarissen gibt es wohl seit 1343. In einem separaten Teil des Klosters befindet sich mein Zimmer. In dem kleinen Garten bedenke ich den Tag und bin dankbar für die vielen Eindrücke.
In der Nähe finde ich ein vorzügliches Restaurant. Der Primo war sensationell. In den Lollo-Rosso-Salat waren gegrillte Zucchini und Auberginen zusammen mit etwas Käse eingewickelt, das Ganze dann überbacken. Als Secondo gab es mit Meeresfrüchten gefüllte hausgemachte Ravioli. Und dahin war mein Kaloriendefizit. Aber es hat wunderbar geschmeckt.
