Gehen und Bleiben – Über Scham und Tradition

In den Gesprächen mit Erika, die seit mehr als 65 Jahren auf Sizilien lebt und sich an längst vergangene Zeiten erinnert, tauchen immer wieder Motive auf, die tief in den Biografien der Menschen verankert sind und bis heute nachwirken.

Tradition, Scham, gesellschaftliche Achtung und Verachtung, familiärer Zusammenhalt und familiärer Zwang, das Gefühl von Peinlichkeit und Angemessenheit, Verantwortung und Unterordnung: All dies bildet einen kulturellen Hintergrund, vor dem sich das Leben vieler Menschen über Generationen hinweg abgespielt hat. 

Hinzu kommen katholische Kirche, Mafia, strukturelle Gewalt, fehlende Emanzipation, Bestechung und Korruption. Und dann die Vereinsamung vieler alter Menschen, deren Kinder in den Norden Italiens oder in andere Teile der Welt gezogen sind. Auch Formen einer selbstgewählten Unmündigkeit scheinen fortzubestehen. Vieles davon stammt aus einer vergangenen Epoche. Die Epoche ist vergangen, die Unmündigkeit nicht.

Ich kenne diese Gefühle auch, allerdings in viel schwächerem Ausmaß, da ich eine Generation später und in der Nachfolge der 68er aufgewachsen bin, deren Ideen mein Weltbild im verschlafenen Flensburg prägten. Erwachsen wurde ich in Hamburg, zu meinen Bedingungen. Dort, und vor allem auf meinen Reisen, stellte ich so ziemlich alles in Frage. Ich probierte die angebotenen Antworten aus und behielt, was mir nützlich und angemessen erschien.

Ich lenkte meine Schritte in die Neue Welt, während Erika zu ihrer Zeit in die konservative Welt Siziliens ging, oder, wie sie manchmal sagt, nach Nordafrika.

1983 oder 1984 sah ich La Cage aux Folles am Broadway. Ein Song des Musicals wurde von Gloria Gaynor als Disco-Version gesungen: I Am What I Am, I am my own special creation. Er wurde zur Hymne einer Generation. In New York erlebte ich alles eine oder eigentlich mehrere Nummern größer. Dort schien vieles möglich. If I can make it there, I’ll make it anywhere … Manches überforderte mich, anderes trieb mich an.

Gaynors Hymne war im Grunde ein Lied gegen die Scham. Wer so singt, hat aufgehört, sich zu entschuldigen. Für mich war das damals ein Versprechen. In Erikas Sizilien wäre es vielleicht ein Skandal gewesen. Man hätte nicht mehr dazugehört.

Ich hatte das Glück, jederzeit umkehren zu können. Das war Erika nicht möglich. Eine Rückkehr in die DDR hätte ihr wohl Gefängnis wegen Republikflucht eingebracht. Sie gründete hier eine Familie, bekam Kinder und Kindeskinder und arbeitete an der Universität. Das sind starke Bindekräfte und große Verantwortungen. Mir stand die Möglichkeit der Umkehr offen, weil ich solche Verpflichtungen nicht hatte

Der Drang nach individueller Selbstbestimmung, der meine Generation geprägt hat und gelegentlich in Selbstbezogenheit umschlug, war bei den im Krieg Geborenen deutlich schwächer ausgeprägt.

Und doch frage ich mich, ob ich nicht zu schnell urteile. Frauen wie Erika, die in eine Welt gingen, in der sie kaum etwas zu sagen hatten, die dort arbeiteten, Kinder großzogen und sich ein Leben aufbauten, haben sich auf ihre Weise behauptet. Leiser vielleicht, aber nicht weniger entschieden. 

Gern würde ich mit ihnen singen: I Am What I Am.

Freiheit hat viele Gesichter. Manchmal zeigt sie sich im Gehen. Manchmal im Bleiben.

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