11.05.2026 Artemis

Morgens fuhr ich nach Kiel und nutzte die Zeit bis zum Onborading damit, die Schule zu besuchen, in der ich Ostern 1966 eingeschult wurde. Dort lernte ich das Wichtigste und Nützlichste meines Lebens: Lesen und Schreiben.

Das Schulgebäude ist viel kleiner, als ich es in Erinnerung habe, aber das Gefühl, das sich angesichts der kleinen Stühle und Tische und der Bilder der Erstklässler an den Wänden einstellt, ist das gleiche wie früher. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich damals schon einen Berufswunsch oder Pläne für mein Leben hatte. Aber mit großer Sicherheit weiß ich, dass ich in der Nacht vom 20.07.1969 mit meiner Mutter vor dem Fernseher saß und zusah, wie Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat. Dieses Ereignis beeindruckte mich tief – aber noch mehr die Tatsache, dass die Astronauten die ganze Welt mit einem Blick sehen konnten. Das Foto der „aufgehenden Erde“ hing lange in meinem Kinderzimmer. Mir war klar, dass ich kein Astronaut werden würde, aber ich wollte die ganze Erde bereisen: mit Fahrrad, Auto, Bus, Eisenbahn, Heißluftballon, U‑Boot, Motor- oder Segelschiff.

Als Sohn eines Marinesoldaten bin ich am Meer aufgewachsen. Wohl deshalb nutze ich jede Gelegenheit, am und auf dem Wasser zu sein – und wenn es nur die Alster und einer ihrer Dampfer

Als sich im August 2003 die Chance bot, mit der russischen Kruzenshtern zu segeln, gab es kein Zögern. Nur beim Aufentern zur ersten Rah – ungefähr zwanzig Meter über dem Deck – stockte ich einen Augenblick. Dann kletterte ich trotzdem.

Meinen 60. Geburtstag feierte ich 2019 auf der Alexander von Humboldt, auf dem Weg von Valetta nach Athen, mit einem Becks Bier in der Hand – was sonst.

Und 2024 segelte ich vom schottischen Ullapool nach Rostock mit der Artemis. Das Skagerrak war rau und wild, ganz so, wie alte Seeleute es in ihren Geschichten beschreiben – und man glaubt ihnen erst, wenn man selbst in der Koje liegt und das Schiff unter sich arbeiten spürt.

Die Artemis wartet heute in Kiel-Holtenau auf mich. Für eine knappe Woche werden wir in der dänischen Südsee kreuzen. Diese Art der Kreuzfahrt lässt mein Herz höherschlagen und meine Phantasie auf Reisen gehen.

Den Traum von dem großen, neunmonatigen Törn über den Pazifik – von Mexiko nach Palau auf der Brigantine Neptun – zerschellte im letzten Jahr auf der Intensivstation.

Diese neue Reise ist kürzer und das Schiff, die Artemis ist größer – und vor allem: Sie steht für das Ende dieses Albtraums.

Leinen los für eine weitere Etappe!

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