19.09.2026 Vibo Marina – Scilla


Der Weg zum Bug des Schiffes ist aus technischen Gründen sehr eng. Die anderen, die vor mir von Bord gingen, hatten im Vergleich zu mir leichtes Gepäck. Sie waren aber auch nur zwei Wochen unterwegs. Wie Captain Jack Sparrow musste nun auch ich über die Planke gehen. Mit Hilfe von Finlay gelang es uns, mein Gepäck trocken an Land zu bringen.


Mit Jacqueline trank ich einen letzten Kaffee im Hafen, um dann festzustellen, dass der von Google angezeigte Zug nicht fährt. So musste ich eine weitere Stunde warten. Der Zug nach Scilla war sehr voll. Offenbar fuhren viele Menschen ein oder zwei Städte weiter, um an einen anderen Strand zu gehen.

Kreuzfahrtterroristen beim Fotostopp – ohne Verzehr bringen sie für die örtliche Gastronomie keinen Vorteil.


Die 27 Grad fühlten sich unerträglich an. Die Luftfeuchtigkeit stieg im Nieselregen wohl auf 100 %. In der Paninoteca Ermes, direkt am Strand, fand ich ein trockenes Plätzchen und etwas zu essen. Dann war es auch schon drei Uhr, und ich konnte das Zimmer im dritten Stock beziehen. Es gibt sogar einen kleinen Blick aufs Meer.


Beim Anblick des 180 × 200 cm großen Bettes stellt sich mir die Frage: Was ist Luxus? Ein geräumiges Bett, eine enge Duschkabine und eine Toilette, die auf Knopfdruck spült, oder eine Koje von 80 cm Breite über dem Wassertank des Schiffes, der auch bei leichtem Seegang gluckst, und das morgendliche Bad im Meer. Wenigstens zeitweise kann ich sehr gut mit Letzterem leben.
Es ist wie beim Fasten, wo der freiwillige Verzicht auf Essen den ersten Apfel danach zu einer außerordentlichen Delikatesse werden lässt.


Scilla hat drei Stadtteile. Der große Strand liegt auf der einen Seite der uralten Normannenburg, das sogenannte Klein-Venedig liegt auf der anderen. Die hübsche Altstadt auf Höhe der Burg, etwa 50 Meter über dem Meer, bekommt von dem Trubel am Strand kaum etwas mit.


Die Burg zu stürmen, dürfte angesichts der vielen steilen Treppen, die oft vor einer Haustür endeten, nicht einfach gewesen sein. Nach einer Weile hatte ich die Burg erreicht und genoss den herrlichen Blick auf die unter mir liegenden Stadtteile und auf die Straße von Messina und das dahinterliegende Sizilien.
Der Ort trägt seinen Namen nicht zufällig. Skylla, erzählt die griechische Mythologie, war einst eine Nymphe, die eine eifersüchtige Zauberin in ein Ungeheuer mit sechs Hundeköpfen verwandelte. Sie hauste in einer Höhle unterhalb der Klippe, auf der heute die Burg steht, und griff nach den Seeleuten, die an ihr vorbeisegeln mussten. Auf der anderen Seite der Meerenge, kaum einen Pfeilschuss entfernt, wartete Charybdis, ein Strudel, der dreimal täglich das Wasser verschlang und wieder ausspie. Zwischen beiden hindurchzukommen, ohne Schaden zu nehmen, galt als unmöglich; noch heute sagt man, wer zwischen zwei Übeln wählen muss, sitze zwischen Skylla und Charybdis. Odysseus entschied sich für die Nymphe und verlor sechs seiner Männer. Meine eigene Wahl fiel leichter: Zwischen einem breiten Bett und einer schmalen Koje gibt es keine Ungeheuer, nur die Frage, was man Luxus nennt. Heute lautet die Antwort: das Bett.



Eine nicht selten zu beobachtende Kuriosität sind Zebrastreifen, die offenbar nur zu dekorativen Zwecken angebracht wurden. Auch ein Schülerlotse wäre hier fehl am Platz.



In einer Strandbar mit toller Discomusik aus den 1980er Jahren schreibe ich das Tagebuch und genieße dabei den Sonnenuntergang.

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