
Sonnenaufgang – mit Morgenbeflackung

Während der Überfahrt nach Stromboli erklärte Lucas sehr anschaulich die verschiedenen Funktionen der Segel und Takelagen der unterschiedlichen Großsegler.

Wir gingen vor Anker in der Bucht von Ficogrande vor Stromboli, dem „großen Feuer“. Die Eruptionen sind tagsüber von unserer Position aus nicht zu sehen. Lediglich eine rosafarbene Dampfwolke steigt in regelmäßigen Abständen auf. Gelegentlich stößt Stromboli auch eine dunkelgraue Wolke aus, die durchaus bedrohlich wirkt.

Bis zum frühen Abend nutzten wir die Gelegenheit zum Baden direkt vom Schiff aus. Die Stand-up-Paddling-Boards blieben heute an Deck. Gestern hatten einige sie genutzt, um zu einer kleinen Grotte hinüberzupaddeln.

Die italienische Sprache klingt einfach schön. Selbst ein Begriff wie Fluchtweg kingt wie eine Liebeserklärung: Via di Allontanamento
Auch heute entschied ich mich, auf den Spuren Goethes zu bleiben. Als er 1787 während seiner Italienreise hier vorbeikam, bestieg er den Vulkan nicht, sondern betrachtete ihn vom Boot aus.

Goethe war besonders fasziniert von der Beständigkeit der vulkanischen Tätigkeit. Anders als der Vesuv, der lange ruhen und dann mit großer Gewalt ausbrechen konnte, erschien ihm der Stromboli wie ein natürliches Uhrwerk der Erde. Die nächtlichen Feuerauswürfe und die glühenden Erscheinungen über dem Meer empfand er als beeindruckendes Schauspiel. Ein Schauspiel, das an die frühen Anfänge der Erde denken lässt.
Da Goethe auch Naturforscher war, was heute oft vergessen wird, betrachtete er die Entstehung der Erde anders als die biblische Genesis. Für ihn war die Trennung von Wasser und Land kein einmaliger Schöpfungsakt. Die Erde erschien ihm vielmehr als etwas Werdendes. Vulkane wie der Stromboli zeigten ihm, dass sich die Welt fortwährend verändert und gleichsam noch immer arbeitet. Er war eben ein Mann der Aufklärung.
Am Fähranleger standen Hunderte von Menschen, die von ihrem Tagesausflug nach Sizilien zurückkehrten. Vielleicht hatten sie nur am schwarzen Kiesstrand gelegen. Vielleicht hatten sie aber auch, wie die meisten von uns, die Wanderung zu einem etwa 300 Meter hoch gelegenen Aussichtspunkt unternommen.

Jacqueline hatte ein kleines Boot organisiert, mit dem wir zu einem günstigen Beobachtungspunkt auf dem Wasser fuhren. Gegen 19.30 Uhr, kurz vor Sonnenuntergang, war das Meer spiegelglatt, das Licht fast unwirklich schön.
Eine Stunde lang konnten wir immer wieder beobachten, wie aus zwei Kratern glühende Lava in die Luft geschleudert wurde. Wenn die Lavabrocken anschließend den Hang hinunterrollten, wirkten sie vor dem Hintergrund der erkalteten schwarzen Lava wie ein Sternenregen.
Für einen Augenblick hatte man das Gefühl, einem uralten Prozess beizuwohnen, aus dem einst Landschaften und Inseln hervorgingen.

Der Stromboli erschien auch uns wie ein Leuchtturm der Natur. Seine Ausbrüche dienten Generationen von Seefahrern als Orientierung. Es fiel mir nicht schwer, mir Odysseus auf diesen Gewässern vorzustellen.
