
Am Morgen kaufte ich am Schalter im Hauptbahnhof noch eine Sitzplatzkarte für den Zug. Die Dame am Schalter versprach mir, der Bahnstreik sei morgen vorbei. Ich nahm es als gutes Omen und fuhr auf langen Rolltreppen in die sehr moderne Metrostation Garibaldi hinunter. Sie liegt, wie auch andere Stationen der Stadt, bis zu fünfzig Meter unter der Erde. Bei den Grabungen stieß man an manchen Stellen auf alte Hafenanlagen und auf gesunkene römische Schiffe. Die U-Bahn-Station in der Hamburger HafenCity wirkt dagegen mit gut sechzehn Metern Tiefe geradezu bescheiden.

Der Bahnhofsplatz selbst, die Piazza Garibaldi, ist längst durchgestylt, ein Perrault-Entwurf von 2019 mit Park, gläsernen Vordächern und einer unterirdischen Ladenpassage. Heruntergekommen wirkt eher das Gebiet dahinter, Richtung Corso Lucci und Porta Nolana. Dort ist die Gentrifizierung längst beschlossene Sache: Unter dem Namen „Porta Est“ laufen bereits Planungen für 8,5 Milliarden Euro und dreißig Jahre Bauzeit. Bis dahin, vermute ich, bleibt das Viertel noch eine Weile das, was es heute ist: unfertig, etwas ruppig und gerade deshalb noch unverkennbar neapolitanisch. Bunt und ein wenig angestoßen.

Ein spezieller Pizza-Lieferservice!
Im Nachhinein war es eine gute Idee, mir ein Tagesticket für 5,30 Euro zu kaufen. Bei dieser Hitze wären die drei Kilometer zum Palazzo Reale zu weit gewesen. Die moderne Metro hält an nur wenigen Stationen, und schon war ich am Ziel. Zwischen dem Palast und dem Dom, auf der Piazza del Plebiscito, war ein großes Stadion aufgebaut worden, weil hier ab diesem Donnerstag die Volleyball-Europameisterschaft stattfinden soll.
Gern hätte ich im Palast nicht nur die königlichen Gemächer gesehen, sondern auch die berühmten Mosaiken der Cappella Palatina. Leider werden sie noch immer restauriert. Die königlichen Räume sind eindrucksvoll. Allerdings wird einem bewusst, dass man bei diesem Wetter wohl selbst als König erheblich geschwitzt haben muss.
Im Erdgeschoss gab es einige wunderbar gekühlte Räume mit einer Ausstellung über das Leben des berühmten Sängers Enrico Caruso, der aus Neapel stammte. Ich lernte, dass Caruso nicht nur ein großer, gefeierter Sänger war, sondern wohl auch der erste Popstar des 20. Jahrhunderts.

In einer kleinen Seitenstraße aß ich bei Brandi, dem traditionsreichen Lokal von 1780. Es gab Pasta mit Tomaten, Kapern und Thunfischstücken, zubereitet mit bester Küche und großem Können. Zum Nachtisch gönnte ich mir ein hervorragendes Schokoladeneis bei Gay-Odin in der Via Toledo. Besser geht es kaum. Ich freute mich, die Eisdiele auf Anhieb wiedergefunden zu haben.

In der Via Toledo begegnet man den Neapolitanern beim Einkaufen. Die fliegenden Straßenhändler müssten eigentlich fliehende Straßenhändler heißen, weil die Polizei sie und ihre illegalen Handtaschenkopien regelmäßig vertreibt.

Die Gallerie d’Italia Napoli wirkt in dieser kommerziellen Umgebung irgendwie fehl am Platz. Hier habe ich schon mehrere hervorragende Ausstellungen gesehen. Umso enttäuschter war ich, als ich las, dass die Ausstellung von Obey, „Power to the Peaceful“, bereits am 6. September 2026 geendet haben sollte. Umso größer war die Freude, als ich an der Kasse erfuhr, dass die Ausstellung bis zum 10. September verlängert worden war.
Das wohl bekannteste Werk von Shepard Fairey, besser bekannt als Obey, dürfte unter den rund 150 ausgestellten Arbeiten dieses sein:

Seine Werke sind sozialkritisch und politisch. Sie besitzen einen hohen Wiedererkennungswert, weil er mit einer sehr reduzierten Farbpalette und einer klaren grafischen Gestaltung arbeitet.


Die klassischen Gemälde im zweiten Stock, darunter auch ein Bild von Caravaggio, besuchte ich nur kurz.

Am frühen Abend erreichte die Luftfeuchtigkeit siebzig Prozent. Ich war froh, rasch wieder in den Untergrund hinabsteigen und mit der Metro zu meiner Unterkunft zurückfahren zu können. Ich denke, dass es klug war, auf den Ausflug nach Pompeji zu verzichten.