
Bei meiner Art zu reisen, bekomme ich sehr viele Inneneinrichtungen und Badezimmergestaltungen zu sehen. Manches ist so schön, dass ich es mir auch für Zuhause vorstellen könnte. Anderes ist geradezu absurd: Wie kann man bei ausreichendem Platzangebot auf die Idee kommen, die Rolle Klopapier in Kopfhöhe an der Wand hinter der Toilette anzubringen? Das ist doch nur etwas für Yogis, die den Korkenzieher vollständig beherrschen.

Das Gepäck konnte ich praktischerweise auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem Gepäckschließfach einstellen. Bevor die Hitze des Tages losbrach, ging ich die engen Gassen zur Zitadelle hinauf, die rund 100 Meter über dem Meeresspiegel auf einem Kalksteinhügel über der Stadt thront.
Vor mir, es war kurz nach 9 Uhr, waren schon die ersten Gruppen der Kreuzfahrer unterwegs, mit den Gruppennummern 26 und 27. Bis sie von dem großen Platz mit dem großartigen Blick über die Stadt und den Hafen weiterzogen, gönnte ich mir ein Pistazien-Croissant und einen Café Latte.



Es ging noch ein Stück bergauf bis zum Archäologischen Museum, wo die Artefakte aus 6.000 Jahren Inselgeschichte ausgestellt sind. Das Gebäude war neu und ist sehr interessant gestaltet. Die Ausstellung war interessant, aber auch etwas enttäuschend, weil ich mehr erwartet hatte.
Interessant fand ich die vielen neolithischen Frauenfiguren, die wohl auf einen Fruchtbarkeitsgöttinnenkult hinweisen. Sie sind tausende Jahre älter als die kleinen Bronzefiguren der Nuragherkultur, die, wohl mehr als 3.000 Jahre alt, Männer in Kampfposen zeigen. Und die Darstellung einer Mutter mit einem Kind auf dem Schoß erinnert an die klassische Darstellung von Maria und Jesus. Besonders eindrücklich fand ich aber die Votivfiguren, die für verschiedene Krankheiten eingesetzt wurden. Auch ihre Botschaft vermittelt sich direkt, trotz der tausenden Jahre, die sie alt sind. Ein Dialog durch die Zeit.

Im Schatten des Gebäudes machte ich auf einer Bank ein kurzes Nickerchen. Die Hitze in Kombination mit der Luftfeuchtigkeit war unerträglich. Und das, obwohl Sardinien nicht weit von Tunesien entfernt liegt und man dort eher mit trockener Wüstenluft rechnen würde.

Kurz vor 3 Uhr aß ich einen Salat auf dem schattigen Platz vor der Kathedrale. Dort entdeckte ich eine neue Art, Freunde zu machen. Und zwar so:

Ich beobachtete, wie eine schick gekleidete Dame auf einer Parkbank vor einer heiligen Statue sehr hektisch in ihren Taschen und Tüten etwas suchte. Dabei fiel ihr ein größeres Stück Papier aus der Tasche, dem sie nur kurz nachsah, als es auf dem Marktplatz liegen blieb. Ihre Suche war offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt, und um das davongeflogene Papier kümmerte sie sich auch nicht. Ich spürte meine aufkommende Empörung über die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Sauberkeit dieses Platzes und der Stadt. Schließlich konnte ich meinen Impuls nicht unterdrücken und hob das Papier auf. Als ich sie darauf ansprechen wollte, sah ich, dass sie den Tränen nahe war.
Ich gab ihr das Papier mit den Worten, dass ihr das aus der Tasche gefallen sei und sie möglicherweise gerade dieses suche. Das war jedoch nicht ihre Sorge, sondern ihr irgendwo liegengelassenes Handy. Meine Empörung wich meiner Empathie. Wenn man allein reist, ist man auf sein Handy sehr angewiesen, weil dort die Kreditkarte, sämtliche Kontakte und vor allem auch die jeweiligen Adressen der Unterkünfte gespeichert sind. Deshalb ist ein Verlust eine ziemliche Katastrophe.
Ich ermutigte sie, die Geschäfte noch einmal aufzusuchen, in denen sie eingekauft hatte, und wünschte ihr viel Glück. Nicht länger als zwanzig Minuten später tauchte sie mit dem Handy wieder auf, das tatsächlich in einem Laden von der Verkäuferin sorgfältig verwahrt worden war. Ich schlug ihr vor, dass sie nun entweder in die Kirche für ein Dankgebet gehen oder meine Einladung annehmen solle, damit wir den Fund feiern konnten.
Vier Stunden später verabschiedeten Yvonne aus Hobart in Tasmanien und ich uns als Freunde. Wir hatten eine wunderbare Unterhaltung über alles. Was für ein schöner Nachmittag mit einem Dialog im Hier und Jetzt.

Langsam flanierte ich die Gassen hinab, bis ich auf die Fußgängerzone stieß. Diese war an einem Sonntagabend so voll, wie man es in Hamburg nicht einmal beim Sommerschlussverkauf erlebt. Aber wer will schon zuhause in der heißen Wohnung sitzen?

Als die Zeit gekommen war, das Gepäck abzuholen und mit wenigen Schritten zur Wartestelle für den Einlass zur Fähre nach Neapel zu gehen, war es irgendwie noch heißer geworden, obwohl die Sonne nicht mehr schien. Die Hauswände strahlten die gespeicherte Hitze des Tages ab.
Mit einem schwedischen Ehepaar, Rebecca und Pierre, die in Oslo leben, verplauderte ich die Zeit bis zum Einlass auf das Schiff, das früher wohl auch einmal ein Kreuzfahrtschiff gewesen ist. Das Upgrade hier war angenehm. Denn meine Vierbett-Innenkabine war gegen eine vergleichsweise große Außenkabine mit Fenster getauscht worden. Obwohl man bei der Abfahrt um 23.55 Uhr nichts sehen konnte außer einigen Hafenlichtern.
