
Gern beantworte ich Leserzuschriften: Das pinkfarbene Hemd war kein Waschmaschinenunfall, und es war Zufall, dass der Rolls‑Royce dieselbe Farbe hatte. Am Kaffeeautomaten im Frühstücksraum erzählte mir ein Schauspieler, der im selben Hotel wohnt, dass das Auto eine Rolle in einer großen Amazon‑Prime‑Serie spielen wird, die auch in Turin gedreht wird.
Nach einem gemütlichen Frühstück beschließe ich, zur Pinacoteca Agnelli zu gehen. Die Pinacoteca wurde von Renzo Piano auf das Dach des Fiat‑Werkes gesetzt und beherbergt die Sammlung der Familie Agnelli, der Eigentümerfamilie von Fiat.
Die Autos werden längst woanders gebaut. Aus den riesigen Werkshallen Lingotto, der ehemaligen Fiat‑Fabrik, sind eine Shoppingmall und Büros entstanden.
Der Weg, etwas mehr als 4 km, führt schnurgerade auf einer Ausfallstraße unter herrlichen Platanen von meinem Hotel zum Lingotto. Die 28 Grad fühlen sich nicht so drückend an wie in Hamburg, was wohl an der niedrigen Luftfeuchtigkeit liegt. Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg.
Dabei gehe ich durch ganz normale Wohngebiete und beobachte, wie junge Väter ihre Kinder vom Kindergarten abholen oder alte Menschen auf einer Bank dieser Platanen bestandenen Allee zusammensitzen und sich unterhalten.
Als ich an meinem Ziel ankam, freute ich mich sehr auf gekühlte Museumsräume und die 27 Gemälde aus der Dauerausstellung. Aus Platzgründen zeige ich hier die drei besten Bilder von Matiss.



Mich interessierten vor allem die fünf Matisse, die dort hängen, und zurzeit vier Modiglianis. Modiglianis Nackte aus der Stuttgarter Staatsgalerie ist gerade zu Besuch hier. Das war ein schönes Wiedersehen. Ich war zwei herrliche Stunden mit den Bildern allein. Zwischendurch gab es einen Cappuccino.

In einer weiteren Etage gab es eine interessante Retrospektive des Fotografen Walter Pfeiffer.
Auf dem Dach des Werkes gibt es eine Straße im Rundkurs mit zwei Steilkurven, die gut einen Kilometer lang ist. Dort haben die Ingenieure bei Testfahrten Geschwindigkeiten von über hundert Stundenkilometern erreicht. Der Rundkurs liegt im sechsten Stock, und die Stadt breitet sich unter einem aus.

Auf dem Rückweg gab ich meine Unschuld auf.
Angesichts des langen Rückwegs und der zunehmenden Hitze gab ich meine bisher geübte Zurückhaltung auf. Ich meldete mich bei Lime an und schwang mich auf ein E‑Bike. Mit 25 km/h sauste ich zurück ins Zentrum und genoss dabei den Fahrtwind.
Es gibt sehr viele Fahrradwege. Die vierspurigen Straßen hat man auf zwei reduziert, so dass die Autos auf der freigewordenen Spur parken können. So entsteht ein schmaler, aber erstaunlich geschützter Korridor für Radfahrer zwischen den geparkten Autos und dem Fußweg. Dadurch wird man als Radfahrer nicht von fahrenden Autos bedrängt. Man fährt, als hätte die Stadt einen stillen Pakt geschlossen, den Verkehr zu zähmen und den Radfahrern ein Stück Sicherheit zurückzugeben.
Übrig geblieben ist allerdings die Frage, was das mit Fahrradfahren im Sinne von Körperertüchtigung zu tun hat. Die Muskeln bewegen die Beine wie im Leerlauf. Man sitzt wie der Steuermann im Achter, der anschließend aucmeint, er hätte gerudert. Bei diesem Fahrrad gab es keine Gangschaltung oder einen Knopf zum Runterschalten; der E‑Motor lief mit oder ohne Treten auf Hochtouren. Durch E‑Bike‑Fahren wird man wohl so fit wie durch 90 Minuten Fußball im Fernsehen.

In der Stadt kann man sich an sehr vielen Stellen mit Trinkwasser aus Trinkwasserstellen wie dieser versorgen.

Geben und Nehmen, dachte sich wohl der Hotelangestellte, der mit stoischer Ruhe die Säulen begoss. Nicht damit sie noch wachsen, sondern um sie zu säubern. Hundepipi greift Granit und Marmor an, erfuhr ich, als ich ihn fragte.
Im Hotel fragte ich den Concierge, ob er denn ein Lokal kennt, in dem man auch Suppen serviert. Es ist eine traurige Tatsache, dass Suppen nicht mehr auf den Speisekarten vorkommen. Er versprach, ein wenig herumzutelefonieren und mir später Bescheid zu sagen. Ich ging in das empfohlene Restaurant La Conca. Auf dem Menü vor dem Lokal stand keine Suppe. Aber als ich eintrat, begrüßte mich die Dame des Hauses und fragte, was für eine Suppe ich möchte. Die Beschreibung des Concierge musste mich verraten haben. Die Gemüsesuppe war großartig und genau das, worauf ich Appetit hatte. Das war ein leckerer Abschluss des Tages.
