
Heute wurde es skandalös luxuriös. Das Petit Déjeuner nahm ich, wie es feine Leute tun, im Train Bleu ein. Dass das einstige Bahnhofsbuffet der Gare de Lyon aus einer anderen Zeit stammt, der Belle Époque, merkte ich in dem Moment, in dem ich durch die Drehtür trat.
Die bezaubernd hübsche Empfangsdame wollte mich in den hinteren Teil setzen, eine Art Wartesaal zweiter Klasse. An niedrigen Tischen auf niedrigen Stühlen hockten die Leute vor ihrem Frühstück. Von der ganzen Pracht war nichts zu sehen. Das lehnte ich entschieden ab und deutete an, dass ich gehen würde. Daraufhin wurde der Maître d’hôtel gefragt, und ich durfte im großen Saal Platz nehmen. Nun frühstückte ich wie ein Kaiser. Seht selbst.

Gebaut wurde das Buffet für die Weltausstellung von 1900, im selben Schwung wie Grand Palais und Petit Palais. Die Eisenbahngesellschaft Paris-Lyon-Méditerranée ließ es ausstatten, als wolle sie ihren Reisenden den Süden schon vor der Abfahrt servieren. Der zum Teil vergoldete Stuck wird von Kronleuchtern angestrahlt, sodass es wirkt, als fiele mediterrane Sonne in den Saal. Die 41 großen Gemälde an Wänden und Decken zeigen Städte und Landschaften entlang der Strecke. In den Sechzigerjahren sollte das alles verschwinden. André Malraux verhinderte es, seit 1972 stehen die Säle unter Denkmalschutz.
Für das Frühstück zahlte ich einen entsprechenden Preis. Ein Kaffee kostet in Paris gewöhnlich um die drei Euro, hier mehr als das Dreifache. Auch für jene, die hinten in der zweiten Klasse sitzen.


So fürstlich auf den Tag eingestimmt, fuhr ich mit der Metro zur Fondation Louis Vuitton. Mit dem Kauf eines Tickets besaß ich nun etwas Echtes von Louis Vuitton.

Der Bau von Frank Gehry steht seit 2014 am Rand des herrlichen Bois de Boulogne. Das Gebilde aus gläsernen Segeln sieht aus, als sei im Park ein Schiff vor Anker gegangen. Allein dafür hätte sich der Weg gelohnt. Von den bunten Lichtern auf dem offiziellen Foto war im Sonnenschein nichts zu sehen. Oder sie waren kaputt.
Die Ausstellung »Gustave Fayet, Sammler und Schöpfer« war erst am 9. Oktober eröffnet worden, entsprechend groß war der Andrang. Der fleißige Sammler (1865 bis 1925) lebte zu einer Zeit, in der er mit zeitgenössischen Künstlern befreundet sein und ihre Werke sozusagen von der Staffelei weg kaufen konnte. Gauguin war sein Liebling, 78 Bilder besaß er von ihm, dazu 88 von Odilon Redon. Daneben hingen bei ihm einige Van Goghs, darunter ein spätes Selbstbildnis von 1889. Das Bild von Berthe Morisot und die Werke von Jacqueline Marval, die ich bis dahin nicht kannte, gefielen mir sehr. Und natürlich Van Gogh.



Ich ging ein Stück durch den Bois de Boulogne zur Place de l’Étoile mit dem Triumphbogen und dann über die Champs-Élysées zurück in die Stadt. Wobei das eine kühne Behauptung ist, denn in Paris ist man irgendwie überall im Zentrum. Es gibt viele Bezirke mit eigenem Mittelpunkt, aber alle wirken großstädtisch. Auch Hamburg hatte einmal solche Straßen. Was der Krieg davon übrig ließ, haben die Planer der Nachkriegszeit gewissenhaft wegsaniert. Geblieben ist eine große Stadt, die ihr Zentrum gern mit der Binnenalster verwechselt. Wer am Jungfernstieg steht, fragt sich, ob es das jetzt schon war. Ja, denn meine Perle muss niemandem beweisen, dass sie die schönste Stadt der Welt ist.
Der Tag hatte mit 13 Grad begonnen und sich mittlerweile auf 23 Grad gesteigert.

Gegenüber liegt das Café de la Paix. Dort hatte ich bei meinem ersten Besuch in Paris zum ersten Mal eine Madeleine gegessen. Ein so großes Erlebnis wie bei Marcel Proust in der »Suche nach der verlorenen Zeit« war es damals nicht. Die Rechnung dagegen schon.


Im Vorfeld hatte ich gesehen, dass in diesen Tagen L’Histoire de Manon gegeben wurde. Im Internet hieß es, alle Karten seien ausverkauft. Das ist bei der Hamburger Nijinsky-Gala auch immer so.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich stellte mich nicht am Schalter für Besichtigungen an, sondern an dem für die Abendvorstellung. Es gab tatsächlich noch vier Einzelkarten. Da alle gleich teuer waren, nahm ich den fürstlichen Platz 35 in der ersten Reihe. Wenn schon, denn schon. Dann folgte ein Freudensprung, ein altersgemäßer Grand jeté.
Zeit zum Umziehen war nicht. Leider musste ich auch auf mein Essen im Bistro verzichten. Dafür gab es gutes chinesisches Essen in einem unscheinbaren Lokal. Während ich an der Straße die Karte las, betrat eine Gruppe chinesischer Geschäftsleute das Restaurant. Ich wertete es als gutes Zeichen, zu Recht, wie sich später herausstellte.

Das Opernhaus an der Place de l’Opéra ist ein Gesamtkunstwerk. Ich hatte auf dieser Reise schon eine ganze Reihe außergewöhnlicher Opernhäuser gesehen, aber dieses war vermutlich das luxuriöseste von allen. Napoleon III. hatte es in Auftrag gegeben, eröffnet wurde es am 5. Januar 1875. Das Treppenhaus aus farbigem Marmor ist eine Bühne für sich, gebaut für ein Publikum, das sich selbst beim Hinaufsteigen in Szene setzen wollte. Das prunkvolle Foyer braucht den Vergleich mit ähnlichen Räumen in Schlössern nicht zu scheuen. Über dem Saal hängt ein Kronleuchter von gut sieben Tonnen, darüber seit 1964 Marc Chagalls phantasievoller, bunter Himmel, den die Traditionalisten damals für eine Zumutung hielten. Im Juli 2027 schließt das Haus für zwei Jahre. Ich kam also gerade noch rechtzeitig.



Nach etwas mehr als 15 km Wanderung durch Paris nahm ich sehr gern in der ersten Reihe auf bequemen Stühlen Platz. Der Kopf des Dirigenten ragte keinen Meter weit von mir entfernt aus dem Orchestergraben hervor.
L’Histoire de Manon erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die zwischen Liebe und einem Leben im Luxus schwankt und schließlich darüber zugrunde geht. Die Choreographie schuf Kenneth MacMillan 1974 für das Royal Ballet in London. Getanzt wird zu Musik von Jules Massenet, die eigens für das Ballett aus verschiedenen seiner Werke zusammengestellt wurde. Einen kleinen Eindruck vermittelt dieses Video auf Youtube.

Von meinem Platz aus sah ich jede Bewegung, jede Geste und beinahe jeden Atemzug der Tänzer.
Ich war überwältigt und bin es noch immer. Eine Ballettcompagnie von Weltruhm, ein großartiges Orchester und eine opulente Ausstattung gewährten mir für einen Abend einen Blick in den Balletthimmel.

Beim Schluss habe ich die erste Variante genommen, also mit dem Balletthimmel enden lassen. Falls du lieber den Bogen zum Anfang willst, häng einfach an: »Der Tag hatte skandalös luxuriös begonnen. Er endete noch luxuriöööser.