Brief an mein jüngeres Ich

Wie einige Denker mir halfen, meinen eigenen Weg zu finden, ohne die Menschen zu verlieren, die ich liebte.

Ich habe lange gezögert, diesen Brief zu schreiben.

Nicht weil mir die Worte fehlten. Eher im Gegenteil. Seit ich Flensburg verlassen habe, die Kleinstadt an der dänischen Grenze, haben sich viele Gedanken angesammelt. Begegnungen mit Menschen, mit Büchern und philosophischen Ideen. Ich machte Erfahrungen des Aufbruchs und Erfahrungen der Rück- und Umkehr. Es gab Momente der Freiheit, der Verantwortung und des Zwangs.

Neulich las ich einen Satz von Pascal Mercier, der mich nicht mehr loslässt: „Ich ging durch die Gassen stets mit der Frage im Sinn, wie es damals gewesen war, ich zu sein.“ Dieser Frage bin ich auf der Spur.

Wie wäre es, wenn ich meinem jüngeren Ich einen Rat geben könnte?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt in der Position bin, einem jungen Menschen Ratschläge zu geben. Je älter ich geworden bin, desto misstrauischer bin ich gegenüber Menschen geworden, die genau zu wissen glauben, wie andere leben sollten. Das Leben ist dafür zu groß und zu vielfältig. Deshalb möchte ich dir keine Anweisungen geben.

Ich möchte dir lediglich erzählen, welche Gedanken mir geholfen haben, als ich selbst an einer Schwelle stand. Damals wusste ich zwei Dinge: Ich liebte meine Familie. Und zugleich wusste ich, dass ich meinen eigenen Weg gehen musste und auf keinen Fall in der Kleinstadt bleiben konnte und wollte.

Lange hielt ich diese beiden Erfahrungen für unvereinbar. Ich glaubte, wer bleibt, ist loyal, und wer geht, ist rücksichtslos. Heute glaube ich, dass diese Vorstellung zu einfach ist.

Zu dieser Einsicht haben einige Denker beigetragen, die mich seit vielen Jahren begleiten: Franz Kafka, Platon, Martin Buber, Viktor Frankl und, aus einer ganz anderen Welt, der Dalai Lama. Sie haben mir nicht gesagt, wie ich leben soll. Aber sie haben mir geholfen, die richtigen Fragen zu stellen.

Kafka und der Mann vor der Tür

Von allen Geschichten hat mich keine so nachhaltig beschäftigt wie Kafkas kurze Parabel „Vor dem Gesetz“.

Auf den ersten Blick scheint sie einfach zu sein. Ein Mann vom Lande kommt zu einer Tür. Er möchte zum Gesetz. Vor der Tür steht ein Türhüter. Der Mann bittet um Einlass. Der Türhüter antwortet: „Jetzt nicht.“ Mehr nicht. Nicht: Du darfst niemals hinein. Nicht: Die Tür bleibt geschlossen. Nur: Jetzt nicht. Der Mann akzeptiert die Antwort. Er wartet. Zunächst einige Tage, dann Wochen. Aus Wochen werden Jahre, Jahrzehnte. Er spricht mit dem Türhüter. Er beobachtet ihn. Er bietet kleine Geschenke an. Er hofft und wartet sein ganzes Leben lang. Erst als er alt geworden ist und dem Tod nahekommt, stellt er eine letzte Frage: Warum hat in all den Jahren niemand außer mir Einlass verlangt? Der Türhüter antwortet: „Dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“ Damit endet die Geschichte.

Als ich Kafka zum ersten Mal las, war ich empört über die Grausamkeit des Türhüters. Er schien die Verkörperung einer ungerechten Macht zu sein. Doch mit den Jahren begann ich, die Geschichte anders zu lesen. Plötzlich fiel mir etwas auf.

Der Türhüter hatte den Mann niemals festgebunden. Der Mann blieb freiwillig. Er wartete auf eine Erlaubnis, die niemals kam. Und langsam entstand in mir der Verdacht, dass der Türhüter vielleicht nicht außerhalb des Mannes stand. Vielleicht wohnte er als innere Stimme in ihm, die sagt: „Noch nicht.“ „Du bist noch nicht bereit.“ „Warte noch etwas.“ „Vielleicht später.“ „Vielleicht morgen.“

Je länger ich darüber meditierte, desto stärker erkannte ich diese Stimme in mir selbst. Sie taucht immer dann auf, wenn eine Entscheidung fällig ist. Wenn ich Verantwortung übernehmen muss, wenn etwas Neues ansteht, dann versucht der Türhüter mich zu überzeugen, dass ich noch Zeit habe.

Das Höhlengleichnis

Viele Jahre nach Kafka begegnete mir ein Text von Platon, der von einer ähnlichen Erfahrung erzählt: Eine Gruppe von Menschen lebt von Geburt an in einer Höhle. Sie sind an Beinen und Nacken gefesselt. Hinter ihnen befindet sich ein Feuer, das sie nicht sehen, weil sie nur geradeaus schauen können.

Zwischen dem Feuer und den Gefangenen werden Gegenstände vorbeigetragen. Die Gefangenen sehen nur die Schatten dieser Gegenstände auf einer Wand vor sich. Da sie niemals etwas anderes gesehen haben, halten sie die Schatten für die Wirklichkeit.

Eines Tages wird einer der Gefangenen losgebunden. Wer es tut, verrät Platon nicht. Zunächst versteht er überhaupt nicht, was mit ihm geschieht. Er dreht den Kopf, sieht zum ersten Mal das Feuer und erkennt, dass die Schatten gar nicht die Wirklichkeit sind. Dann zieht man ihn den steilen Weg hinauf, aus der Höhle hinaus ins Licht, gegen seinen Willen. Seine Augen schmerzen, weil die Sonne ihn blendet. Zunächst sieht er weniger als zuvor. Am liebsten würde er zurückkehren.

Erst allmählich gewöhnt er sich an das Licht. Er erkennt die Welt in ihrer Vielfalt und begreift, dass er bisher in einer begrenzten Welt gelebt hat.

Ich hätte mir gewünscht, er hätte sich allein befreit. Platon dachte aber wohl an einen Lehrer, an Sokrates vielleicht, der die Menschen so lange befragte, bis ihre Gewissheiten sich lösten und sie neue Erkenntnisse entwickelten. Heute glaube ich, dass beides stimmt. Die Fessel löst oft ein anderer. Das Sehen muss man selbst lernen.

Was mich an diesem Gleichnis immer beschäftigt hat, ist nicht die Erkenntnis, sondern seine Angst.

Als Gefangener litt er nicht unter seinen Fesseln, weil er nichts anderes kannte. Seine eigentliche Krise beginnt mit der Freiheit. Seine Angst beginnt in dem Moment, in dem Veränderungen möglich sind. Angst ist aber nicht dazu da, uns zu lähmen, sondern uns zur Vorsicht zu mahnen.

Die vertraute Welt mag eng sein, aber man kennt ihre Regeln und Erwartungen. Wer die Höhle verlässt, verliert diese Gewissheit, gewinnt aber die Freiheit. Und genau deshalb fällt dieser Schritt so schwer.

Der Dalai Lama und die Schlange im Gras

Ich war wohl zwanzig Jahre von zu Hause fort, als der Dalai Lama während einer Unterweisung eine kleine Geschichte erzählte. Schon der Buddha, sagte er, habe sie erzählt:

Jemand geht am Abend durch einen Garten. Im Gras entdeckt er einen langen dunklen Gegenstand. Sofort schießt ihm ein Gedanke durch den Kopf: Eine Schlange. Der Mensch bleibt ängstlich stehen und macht aus Vorsicht einen Umweg. Doch die Vorstellung von diesem Gegenstand bleibt in seinem Kopf. Vielleicht ist die Schlange giftig. Mit jeder Minute scheint sie gefährlicher zu werden. Im Schein seiner Taschenlampe erkennt er, dass es keine Schlange ist. Es ist lediglich ein alter Gartenschlauch.

Diese kleine Geschichte hat mich lange beschäftigt. Denn die Angst war real, nur der Gegenstand der Angst, die Schlange, nicht. Der Schlauch war real, aber das Schlange-Sein hatte der Mensch hineinprojiziert. Seine Projektion löste seine Angst aus, nicht der Gartenschlauch.

Und wie oft fürchten wir uns vor unbekannten Wegen, weil wir alle möglichen Gefahren auf sie projizieren. Wie oft waren die großen Schlangen meines Lebens am Ende nur Gartenschläuche.

Was die drei Geschichten verbindet

Der Mann vor der Tür, der Gefangene in der Höhle, der Spaziergänger im Garten: Keinem von ihnen fehlt es an Verstand. Es fehlt ihnen an etwas anderem. Kant hat es 1784 genauer gesagt, als ich es je könnte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Selbstverschuldet sei sie dann, wenn die Ursache nicht am Mangel des Verstandes liegt, „sondern der Entschließung und des Mutes“.

Unmündig, das heißt auch: nicht erwachsen. Kant kennt sogar die Türhüter. Er nennt sie Vormünder, die ihren Schützlingen zuerst die Gefahr zeigen, die ihnen droht, wenn sie allein zu gehen versuchen. „Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht“, schreibt er trocken. Er kannte also auch Gartenschläuche.

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Das Wort stammt von Horaz, und aufgeschrieben hat es ein Mann, der Königsberg zeitlebens kaum verlassen hat. Man muss offenbar nicht weit reisen, um erwachsen zu werden. Aber den Weg muss man selbst gehen. Das Leben ist keine Pauschalreise.

Freiheit und Loyalität

Platon erzählt übrigens noch weiter. Der Befreite kehrt zurück in die Höhle, und die anderen halten ihn für verrückt. Bei mir war es milder. Aber die Frage, wie man zu denen zurückkommt, die geblieben sind, hat mich lange begleitet.

Lange Zeit dachte ich, die eigentliche Frage bestehe darin, ob ich bleiben oder gehen soll. Heute glaube ich, dass dies die falsche Frage ist. Eigentlich müsste ich fragen: Kann ich Freiheit gewinnen, ohne die Verbindung zu verlieren, ohne die Liebe zurückzulassen?

Bei Martin Buber fand ich eine Idee für eine Antwort auf diese Frage.

Martin Buber: Ich und Du

Von allen Denkern hat Buber vielleicht den größten Einfluss auf mein Verständnis von Beziehungen. Er machte einen einfachen und zugleich tiefen Gedanken zum Zentrum seines Denkens: Der Mensch wird am Du zum Ich.

Was zunächst abstrakt klingt, ist in Wirklichkeit sehr lebensnah. Buber sagt im Grunde: Kein Mensch entsteht und lebt allein. Keiner von uns ist ein isoliertes Wesen. Wir verdanken anderen unendlich viel. Als ich Buber las, begann ich zu verstehen, warum mich die Vorstellung der Ablösung immer irritiert hatte. Meistens wird Freiheit als Trennung beschrieben, so als ob man sich von allem trennen müsse.

Doch Buber zeigte mir, dass eine reife Freiheit keine Beziehungen zerstört. Sie kann sie aber verwandeln. Erwachsenwerden bedeutet, aus Beziehungen der Abhängigkeit Beziehungen der Freiheit zu machen.

Ich begann zu verstehen, dass Nähe und Weite keine Gegensätze sind. Es gibt eine Nähe, die erdrückt, und eine, die wachsen lässt. Es gibt eine Distanz, die trennt, und eine, die einen neuen Blick ermöglicht. Erst in der Entfernung erkennt man die Bedeutung eines Menschen. Und erst in der Freiheit wird deutlich, wie tief die Verbundenheit tatsächlich ist.

Mein Weg führte aus der Familie hinaus, aber nicht von ihr weg.

Ich bin gegangen und dennoch verbunden.

Viktor Frankl und die Frage nach dem Sinn

Am Ende bleibt jedoch eine Frage. Warum überhaupt gehen? Warum die Tür durchschreiten? Warum die Höhle verlassen? Warum sich der Angst stellen? Hier hat mir Viktor Frankl geholfen.

Frankl stellte die Dinge auf den Kopf. Die meisten Menschen fragen: Was erwarte ich vom Leben?

Frankl fragte: Was erwartet das Leben von mir?

Dieser Gedanke traf mich tief. Denn plötzlich ging es nicht mehr um Selbstverwirklichung. Nicht mehr um Karriere. Nicht einmal mehr um Freiheit. Sondern um Verantwortung.

Welche Antwort will oder kann ich dem Leben geben? Welche Aufgabe kann nur ich erfüllen? Welche Tür ist nur für mich bestimmt? Welchen Sinn will ich meinem Leben geben?

Zu guter Letzt

Lieber Thorsten,

wenn ich heute auf unser Leben zurückblicke, kann ich dir keine fertigen Antworten anbieten. Ich kann dir nur sagen, was ich gelernt habe.

Der Türhüter war kleiner, als ich dachte. Die Höhle war enger, als ich dachte. Meine Güte, es gibt unzählige Gartenschläuche in der Welt.

Und die Menschen, die ich liebte, habe ich nicht verloren, als ich meinen eigenen Weg gegangen bin. Im Gegenteil. Viele Beziehungen wurden ehrlicher und offener.

Kafka zeigte mir die Tür. Platon zeigte mir das Licht außerhalb der Höhle. Der Dalai Lama zeigte mir den Unterschied zwischen der Wirklichkeit und meinen Projektionen. Martin Buber zeigte mir, dass Freiheit und Verbundenheit kein Widerspruch sein müssen. Viktor Frankl zeigte mir schließlich, dass das Leben eine Antwort von mir erwartet.

Ob du durch deine eigene Tür gehen sollst, darf ich nicht entscheiden, auch wenn ich weiß, wie es ausgeht. Es ist deine Zeit, es sind deine Umstände, und die Entscheidung gehört allein dir.

Aber ich wünsche dir den Mut und die Zuversicht, genau hinzusehen.

Vielleicht ist der Türhüter kleiner, als er scheint.
Vielleicht sind die Schatten nicht die Wirklichkeit.
Vielleicht ist die Schlange nur ein Gartenschlauch.
Und vielleicht wartet hinter der Tür dein eigenes Leben.

Sicher ist das nicht. Aber wahr-scheinlich.

Carpe diem, schrieb Horaz, und vertraue so wenig wie möglich auf morgen. Der Türhüter wird das nicht gern hören.


May the road be gentle with you.

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