
Der Sonnenaufgang über Bari konnte sich sehen lassen. Weil es Sonntag und erst 6:13 war, ging ich mit einer Tasse Kaffee meiner Morgenroutine nach: Meditation und ausgiebig Zeitung lesen. Es sollte ein „fauler Sonntag“, eine domenica tranquilla werden.


Die mittelalterliche Altstadt hatte ich gestern schon ausführlich erkundet, so dass ich heute völlig planlos durch die Gassen schlenderte. Ich habe mir nicht einmal ein Buch mitgenommen. Ich stellte mir vor, wie es hier früher gewesen sein mochte, aber auch, wie es sein mag, in so einem alten Haus zu wohnen, und das machte mir Spaß.
Immer wieder freute ich mich über die Was-ist-los-Gruppen, die ich mitten auf der Straße oder dem Markt sah. Ihr soziales Medium ist das direkte Gespräch.


In der Altstadt hörte ich viele Sprachen: Ungarisch, Ukrainisch, Albanisch und Russisch, aber auch Französisch. Woher ich das weiß? Weil ich mit den Menschen ins Gespräch gekommen bin, beim Essen, Aperitivo, Gelati kaufen oder Fotografieren. Es sind kurze, freundliche, neugierige Begegnungen und Dialoge mit Interesse am Gegenüber. Ich werde versuchen, viel von diesem Gefühl der Lebendigkeit mit nach Hause zu nehmen – und gelegentlich wieder auf dem Tisch tanzen 😉
So traf ich einen spanischen Studenten, der sein Erasmus-Semester in Wien machte und sehr gut Deutsch sprach. Ich gratulierte ihm zu dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, der den USA die Nutzung spanischer Militärbasen für Angriffe auf den Iran verweigert hatte. Auch Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hatte zumindest US-Bombern den Zwischenstopp auf Sizilien verweigert, wenn auch mit prozeduraler Begründung.
Und auch die Erinnerung an zwei hübsche, lebenslustige Ukrainerinnen, die am Nebentisch saßen und mit denen ich eine Weile plauderte. Sie waren, wie ich, begeisterte Leser von Joseph Roths Büchern: »Hotel Savoy«, »Flucht ohne Ende«, »Hiob«. Kein Wunder, denn sie stammten wie er aus dem galizischen Brody, das einst zur Habsburger Monarchie gehört hatte und heute zur Ukraine zählt.
Als sie aufbrachen, stand eine von beiden auf, um einen Rollstuhl zu holen. Die andere schwang sich auf ihn, weil er ihre beiden Beine ersetzte und ihr Beweglichkeit schenkte. Ich hatte zuvor nichts davon bemerkt und es war auch kein Thema gewesen. Sie wirkte, als hätte sie längst entschieden, das Beste aus ihrer Situation zu machen.
Sie wirkte, als hätte sie entschieden, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Als ich den beiden nachsah, dachte ich, dass diese Ukrainerin ihr Schicksal trug wie einst Hiob das seine.
Hier ein paar Impressionen von diesem Tag.


