
Um 5:45 Uhr kündigt sich der Tag an. Noch liegt die Welt im Halbdunkel, aber am Horizont beginnt ein Farbenspiel, das aller Kunst spottet: erst ein tiefes Violett, dann Orange, dann ein Gold, das sich langsam über das Meer schiebt. Ich stehe am Fenster und schaue zu. Solche Morgen sind die eigentliche Hauptattraktion einer Reise. Alles andere, Fischmarkt, Burgen, Vulkane, kommt danach.

Um 6:10 Uhr entscheidet er sich. Die Sonne erscheint und bleibt, fast den ganzen Tag, treu.
Nach dem nun schon zur Gewohnheit gewordenen Wifi-Café-Besuch mit Espresso, das Layout des Tagesberichts erstellen und etwas Zeitungslektüre bekomme ich Appetit auf Muscheln. Es gibt Tage, an denen der Körper weiß, was er will, noch bevor der Geist gefragt wurde. Also fahre ich nach Catania, zum Fischmarkt.
Der Mercato della Pescheria ist keine Attraktion, er ist ein Ort. Der Unterschied ist wesentlich. Hier wird nichts für Besucher inszeniert, sondern hier wird gearbeitet, gehandelt, gerufen, gewogen, ausgenommen. Der Fisch liegt auf Eis wie Kunst in einem anderen Museum. Ich erinnere mich, dass sich hier der Geruch des Meeres mischt mit dem von Zitronen und nassem Stein. Es gibt aber auch Straßenecken in Catania, wo ich ganz froh bin, nicht mehr riechen zu können.

Ich bestelle Muscheln auf sizilianische Art mit sehr viel Zitronensaft, Knoblauch, Kräutern. Weil ich Zitronen innig liebe, schmeckt es mir ausgezeichnet. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht jedermanns Sache ist. Manchen Menschen ist die Zitrone zu ehrlich.

Während ich warte und dann esse, lausche ich den Sprachen um mich herum: Französisch, Dänisch, Ukrainisch, Englisch. Was mir auch schon andernorts aufgefallen ist: Amerikaner sprechen auffallend leise. Das widerspricht dem Klischee so vollständig, dass man kurz inne hält. Nun, vielleicht reisen gerade die leisen Amerikaner nach Sizilien.

Vom Fischmarkt ist es nicht weit zum Castello Ursino, der alten Normannenburg am Rand der Altstadt. Ein wuchtiger quadratischer Bau aus dem 13. Jahrhundert, errichtet von Friedrich II., jenem staunenswerten Kaiser, der Arabisch sprach, Falken züchtete und die Welt mit mehr Neugier betrachtete als die meisten seiner Zeitgenossen. Friedrich II. (1194–1250), Enkel Barbarossas, trug den Beinamen Stupor Mundi, das Staunen der Welt. Was mich immer wieder fasziniert: Sein Hof in Palermo war ein Ort, der uns heute geradezu modern anmutet. Arabische Gelehrte, jüdische Philosophen, normannische Ritter, byzantinische Diplomaten saßen an einem Tisch. Man sprach mehrere Sprachen, tauschte Wissen aus, übersetzte, stritt und dachte gemeinsam. Das war kein Zufall, sondern Programm. In einer Zeit, die wir gerne als finster bezeichnen, wurde hier eine Weltoffenheit gelebt, die uns heute beschämen müsste.
Heute beherbergt das Castello ein Museum. Beides, Burg und Museum, ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Man steht davor wie vor einem Satz, dessen Pointe fehlt. (Wer mehr von Catania sehen möchte, kann hier klicken, denen 2023 habe ich das ganze Touristenprogramm abgearbeitet)

Aber die Gegend drumherum lebt. Offenbar so etwas wie das Karolinenviertel Catanias: jung, voller kleiner Bars und Läden. Abends ist hier noch mehr los.
Den Ätna habe ich noch immer nicht gesehen. Das liegt nicht an mangelndem Willen, sondern an Wolken, Dunst und jenem eigenwilligen Temperament, das große Berge an den Tag legen. Also schlendere ich die Via Etna hinauf bis zu dem kleinen Park, der sich über einen Hügel erstreckt und den Blick über die Dächer freigibt.

Und dann steht er da. Bei klarem Sonnenschein, in einem weißen Mantel aus Schnee, in seiner ganzen Pracht. Der Ätna ist ein ruhender Riese, der erst vor drei Monaten gezeigt hat, was in ihm steckt. Vulkane schlafen nicht; sie warten. Man schaut ihn an und spürt die geologische Zeit unter den Füßen, die Jahrmillionen, die gleichgültig unter dem heutigen Tag liegen. Etwas in mir wird stiller.
Dort im Park begegne ich Beate und Klaus, die Erika und ich bereits im Konzert getroffen haben. Wir plaudern eine Weile und verabschieden uns bis morgen, denn sie werden auch ins Teatro Massimo Bellini gehen.
In einem Café nahe der Piazza del Duomo setze ich mich zum Aperitivo. Das ist eine der schönsten Einrichtungen, die die italienische Zivilisation hervorgebracht hat: Nach der Arbeit trifft man sich, um nichts Bestimmtes zu tun; ein wenig zu essen, ein wenig zu trinken, vor allem aber um das Dolce Vita zu genießen. Die Kleinigkeiten, die dazu gereicht werden, reichen von ein paar schlichten Oliven bis hin zu Tellern mit Schinken, Käse oder Meeresfrüchten. Für achtzehn Euro bekomme ich einen Aperol Spritz und feine Dinge aus dem Meer. Ich denke an das von Levinas Gelesene und genieße die abendliche Stimmung.
Auf dem Rückweg tanke ich tatsächlich Benzin, 1,72 Euro den Liter.
