12.03.2026 – Acireale

Die Ferienmorgenroutine mit Sonnenaufgang, Meditation, Zitronenwasser und erstem Kaffee ist etabliert und funktioniert schon am zweiten Tag erstaunlich gut.

Die Siedlung Santa Maria la Scala gehört zu Acireale und liegt direkt unten am Meer. Acireale selbst sitzt oben auf der rund 100 m hohen Steilkante „Le Trippa“, die den Küstenort vom Stadtkern trennt. Der Ort hat 50.579 Einwohner, das nur 20 km entfernte Catania knapp 300.000. Die allgemeine Arbeitslosenquote für ganz Italien liegt bei 6,6 %, die für Sizilien zwischen 13 und 16 % – deutlich über dem Landesdurchschnitt. Es liegt auf der Hand, dass viele Menschen aus Acireale nach Catania pendeln: Als Hauptstadt der Metropolregion sitzen dort Behörden, Gerichte, Universitätsverwaltungen und große Dienstleistungsunternehmen. Dennoch liegt die Arbeitslosenquote Catanias bei 10,4 %. Die Altersstruktur Acireales – typisch für viele Orte Siziliens – ist deutlich älter als die Catanias. Die Jungen ziehen nach Catania, Palermo oder in den Norden Italiens; viele versuchen ihr Glück auch im Ausland.

Ich frage mich, warum Deutschlands Außen- und Wirtschaftsminister nach Indien oder Afrika fliegen, um Arbeitskräfte anzuwerben, wenn hier junge Europäer mit anerkannten Studienabschlüssen und voller Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis leben, die Arbeit suchen. Die historische, kulturelle und sprachliche Nähe würde eine Integration doch erheblich erleichtern.

Für ein paar Einkäufe fahre ich die 26 Serpentinen hoch nach Acireale. Es ist Donnerstagmittag, und in der Stadt sind nur wenige Menschen unterwegs; die Cafés und Geschäfte wirken fast leer. Leerstehende Läden gibt es zwar nur wenige, aber dass wenig Geld in der Stadt ist – im Vergleich zu Turin oder Genua – sieht man vielen Häusern an. Grundsätzlich scheint Italienern das Konzept fremd zu sein, Gebäude nach ein paar Jahrzehnten neu zu streichen oder zu renovieren. Oft macht das Patinaartige den Charme aus, doch in den meisten Fällen ist es schlicht ein Zeichen des Verfalls. Und das ist angesichts der schönen Bausubstanz sehr schade.

Am Nachmittag gehe ich mit Erika spazieren. Am Hafen blickt von einer Hauswand der geblendete Zyklop Polyphem finster auf Odysseus und seine Männer herab – eine Erinnerung an den alten Mythos, der hier an der sizilianischen Küste bis heute weiterlebt. Die dunklen Felsen im Meer, die er den fliehenden Griechen der Legende nach hinterhergeschleudert haben soll, ragen noch immer aus dem Wasser. Für geübte, mutige Schwimmer sind sie bis heute ein Ziel,

Wem der Mut oder die Badeshose fehlt oder das Wasser zu kalt ist, macht es sich zum Sonnenuntergang am nach dem Sturm wiederaufgebauten Kiosk gemütlich. Dort sitzen die Menschen mit Blick auf die Felsen, trinken ein Bier oder einen Aperol, und für einen Moment wirkt alles so, als würde die Zeit hier unten am Meer ein wenig langsamer laufen. Oder wie Jochen und ich in Fischrestaurant, wo hier leckere Doraden essen.

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