
Die beste Matratze und das komfortabelste Kopfkissen nützen nichts, wenn das Zimmer durchgehend 25 Grad hat. Auf Rückfrage an der Rezeption erfuhr ich, dass die Klimaanlage erst am 1. Mai 2026 eingeschaltet wird. Solche starren Pläne wirken unflexibel, wenn man die tatsächlichen Witterungsbedingungen ignoriert. Was sie wohl machen, wenn die Schafskälte kommt und die Gäste frieren. Ich übernachte gern im Motel One, aber ich sehe mit verschwitztem Grauen den nächsten beiden Nächten entgegen.

Am späten Vormittag ging ich zur Wiener Oper und kaufte ein Ticket für die Hop-on-und-Hop-off-Busse, die in vier Linien durch die Stadt fahren. Bequem fuhr ich im offenen Oberdeck durch Wien und entdeckte vieles neu. Nachdem ich im Oktober 2002 eine Woche lang in Graz im Sicherheitsteam für eine Unterweisung des Dalai Lamas tätig gewesen war, hatte ich im Anschluss ein paar Tage in Wien verbracht. Nach der nervlich sehr anstrengenden Aufgabe blieb ich damals fast ausschließlich im innersten Stadtbereich rund um den Stephansdom. Heute konnte ich mir einen weit umfassenderen Eindruck von der gesamten Stadt verschaffen.

Es gibt Gegenden, in denen sehr elegante Hochhäuser stehen, der Hauptbahnhof ist vollständig neu errichtet und ausgesprochen modern, und auch das UN-Viertel beeindruckt. Das Vienna International Centre am Donauufer, Sitz von IAEA, UNIDO und weiteren internationalen Organisationen, prägt diesen Teil der Stadt sichtbar. Am stärksten hat mich aber das Gesamtbild beeindruckt, in dem barocker Zuckerbäckerstil und Jugendstil der Gründerzeit dominieren. Bei näherem Hinsehen und durch die Informationen aus dem Bus erkannte ich jedoch, dass Wien nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Drittel zerstört war. Man restaurierte das Schöne, wo noch genügend Substanz vorhanden war, und baute an anderer Stelle Wohnhäuser, die geschickt in die Baulücken eingefügt wurden.

Dass es hier riesige Paläste und Palais mit umliegenden Gärten gibt, breite Prachtstraßen, viele kleine Parks und noch mehr Alleebäume, verwundert bei einer ehemaligen Kaiserresidenz nicht. Wien war jahrhundertelang Zentrum des Habsburgerreiches und dieser Glanz ist noch überall zu spüren. Ich sah mir nichts im Detail an, sondern stieg immer nur von einer Linie in die nächste um, um den Tag möglichst umfassend zu nutzen. Die Kommentare im Bus waren mit Musik von Mozart, Beethoven und Strauß unterlegt, was die Fahrten auch zu einem angenehmen musikalischen Erlebnis machte.

Auf dem Weg zu einem der ältesten Kaffeehäuser Wiens ging ich an einer kleinen Café-Weinbar vorbei. Die Szene dort traf mein Bild von Wien so genau, dass ich umkehrte und den Herrn fragte, ob ich ihn fotografieren dürfe. Die Sonne und die Zigarre genießend, dazu ein Glas Champagner, saß er vor seinem Geschäft. Er erzählte, dass er für das JDC gearbeitet habe, genau wie Dr. Lippmann 1940. Er hatte sich seinerzeit um die jüdischen Ausreisenden aus dem Osten, also aus Russland und Polen, gekümmert. Das Gespräch und die Begegnung waren der besondere Gewinn des Tages.

Im Café Frauenhuber gönnte ich mir anschließend eine Auszeit zum Konditoren. Das Haus blickt auf eine außerordentliche Geschichte zurück. 1795 erwarb der Ungar Franz Jahn das Gebäude, in welchem er schon vorher ein Stadtetablissement betrieben hatte. Kaiserin Maria Theresia hatte ihm bereits als 28jährigem in Schönbrunn die Traiteurstelle übertragen. Sohn Joseph II. verlegte die Residenz in den Augarten und gab den Volksgarten 1775 zum öffentlichen Besuch frei. Die von Mozart 1782 im Augarten ins Leben gerufenen Morgenkonzerte lockten vor allem die bessere Gesellschaft an, die dort bis in den Nachmittag bewirtet wurde. Die Anerkennung, die sich Jahn dort erworben hatte, übertrug sich auch in die Himmelpfortgasse.

Wolfgang Amadeus Mozart führte hier 1788 Händels Pastorale Acis und Galatea in seiner eigenen Bearbeitung auf. Sein letztes Auftreten in diesem Saal folgte am 4. März 1791, wenige Monate vor seinem Tod im Dezember desselben Jahres. Ludwig van Beethoven brachte am 6. April 1797 sein Quintett für Klavier und vier Bläser op. 16 hier zur Uraufführung. Damit ist das Café Frauenhuber wohl das einzige Kaffeehaus der Welt, das sowohl Mozart als auch Beethoven als Konzertsaal diente.

Ich führte nichts auf, sondern stillte meinen Hunger und bestellte eine Mehlspeise: Kaiserschmarrn mit Apfel- und Pflaumenkompott, dazu eine Wiener Schokolade mit 38 Prozent Rum. Es war erst das zweite alkoholische Getränk dieser Reise und machte die anschließende Busfahrt angenehm beschwingt. Die vierte Linie nehme ich morgen Vormittag.

Noch kurz etwas Statistisches: Wien hat 2.005.760 und Hamburg 1.860.000 Einwohner. Hamburg ist mit 755 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie Wien mit 414,8 Quadratkilometern. In Wien studieren rund 190.000, in Hamburg 121.040 Menschen. Wien hat eine Donau, die recht hübsch ist, aber sie haben keine Alster 😉

Den entspannten Tag beschloss ich mit einer Portion Nudeln und einem Glas Zitronenlimonade.