
Um 9:28 Uhr rollte mein Zug aus Triest heraus. In Udine musste ich umsteigen und genoss zwischendurch die Möglichkeit, einen Cappuccino zu trinken. Ab Udine begann das eigentliche Erlebnis dieses Reisetages, nämlich die Fahrt mit der historischen Semmeringbahn, jene legendäre Strecke, die vor mehr als hundert Jahren Triest mit dem österreichischen Kernland verband. Sie ist bis heute eine der faszinierendsten historischen Bahnstrecken der Welt.

Von oben, auf dem Karstplateau, wo die Schienen liegen, sah ich die Küstenstraße tief unten am Meer entlangziehen — prächtige Villen, große Gärten, kleine Dörfer. Die Fahrt mit dem Auto dort unten muss auch sehr schön sein. Aber so schön wie diese hier? Ich bezweifle es.

Laut Google haben wir mehr als 700 Höhenmeter überwunden, 14 Tunnel, 16 Viadukte und mehr als hundert Brücken passiert. Der längste Tunnel ist der neue Semmeringtunnel mit 1.512 Metern, das höchste Viadukt das Kalte-Rinne-Viadukt — 182 Meter lang, 46 Meter hoch. Das war eine Ingenieurleistung, die so ikonisch war, dass sie auf dem 20-Schilling-Schein abgebildet war. Berge mit Schnee, Täler mit Weinbau und alles bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel, wie in einem Urlaubsprospekt. Das alles ganz bequem vom Zug aus zu sehen, ist einfach herrlich.

Wer, wie ich in letzter Zeit oft mit der Bahn reist, dem fällt früher oder später auf, dass es Links- oder Rechtsverkehr auf der Schiene gibt. In Deutschland, Österreich und der Schweiz fahren Züge rechts, genauso wie Autos. In Frankreich, Belgien, Italien und den Niederlanden links. Zumeist britische Ingenieure bauten die ersten Strecken. Großbritannien selbst fährt natürlich auch links, auf Straße wie auf Schiene. Tschechien, Polen, Skandinavien, Spanien: wieder rechts. Und an manchen Grenzübergängen wechseln Züge tatsächlich die Seite — am spektakulärsten in Basel, wo der Wechsel mitten im Bahnhof stattfindet.

Was einen unterwegs beschäftigt, wenn man mit dem Zug fährt, sind eben solche Gedanken. Zum Glück gibt es Google. Und dazu eine Käseplatte mit steirischen Spezialitäten, ein Bier, der Blick aus dem Zugfenster — und kein Verkehr, auf den man achten müsste. Eine aufmerksame Restaurantmitarbeiterin servierte das Essen an meinen Platz. Während der Fahrt konnte ich aufstehen und ein bisschen im Zug auf und ab gehen. Man versäumt nichts, wenn man zur äußerst geräumigen Toilette muss. Das ist Luxus pur.

Pünktliche Ankunft in Wien um 17:22. Streckenweise waren wir mit 232 km/h unterwegs. Kurze Anmerkung für die Statistik: Es gab bisher nur eine Verspätung von einer Stunde und eine Fahrtunterbrechung wegen des Streiks italienischer Bahnmitarbeiter:innen.

Das Hotel liegt quasi vis-à-vis vom Hauptbahnhof. Vom 12. Stock aus hat man einen tollen Blick über die Stadt — und genau deshalb wollte ich sie sofort zu Fuß erkunden. Ich ging Richtung Stephansdom, vorbei an der Staatsoper. Im Internet hatte ich gelesen, dass es noch Karten für Giselle geben soll, das am Sonntag aufgeführt wird. An der Abendkasse war leider nichts mehr zu bekommen, und über einen Zwischenhändler wollte ich keine kaufen. Das ist Abzocke, die ich nicht unterstützen will.
Bei 22 Grad waren alle Tische vor den Restaurants und Cafés besetzt. Die Straßen voller Menschen, alle Sprachen der Welt. Als ich abends ins Hotel zurückkam, hatte ich trotz der langen Bahnreise 8 Kilometer auf der Uhr.

Tja, was will’ste als Wiener auch anderes machen, wenn Du keine Alster hast? Drei Baukräne als Palmen verkleiden, eine Wal-Attrappe in einem Wasserbassin positionieren und sich „die Gemütlichkeit antun“.

Das Fotografieren während der Fahrt ist eine Art Glücksspiel. Immer wieder saust ein Busch, ein Mast oder ein Baum vors Objektiv, und die schönste Aussicht ist nicht im Kasten. Aber wie heißt es: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“