Der hinsehende Eros

Eros, die drei Grazien und ich

Die drei Grazien mit Amor – und ich, Berthel Thorvaldsen, 1821 – 1823

In diesem Semester beschäftige ich mich mit Kunstgeschichte. Dabei bin ich auf einen Aufsatz von Erwin Panofsky gestoßen, der mich nicht mehr loslässt.

Panofsky untersucht als Kunsthistoriker eine scheinbar einfache Frage: Warum wird Eros in der Kunst mal mit verbundenen Augen dargestellt und mal ohne? Seine Antwort ist verblüffend. In der Antike war Eros nie blind — weder in der Kunst noch in der ernsthaften Philosophie. Die Augenbinde ist eine mittelalterliche Erfindung, geboren aus dem Misstrauen gegenüber der sinnlichen Liebe. Blind sein bedeutete im Mittelalter moralisches Versagen, und so gesellte sich der blinde Amor zur Synagoge, zum Tod und zur Fortuna. Erst in der Renaissance wurde diese Antithese wieder lebendig diskutiert: der blinde, gefährliche Amor auf der einen Seite, der sehende, platonische Eros auf der anderen, der in Richtung des Schönen und Wahren begehrt.

Diese Lektüre hat meine früheren Gedanken über Eros und die drei Grazien und Eros, der Gott des Sichverliebens neu beleuchtet und um folgende Betrachtung erweitert.

Theodor Fontanes Warnung „Man sieht nur, was man weiß“ stelle ich an den Anfang, um sie sogleich zu überschreiten. Denn Thorvaldsens Skulptur lädt zu etwas ein, das vor dem Wissen liegt, zum Innehalten an der Schwelle zwischen Betrachten und Berührtwerden.

Eros, bei den Griechen der Gott des Sich-Verliebens, bei den Römern als Amor oder Cupido verehrt, ist keine Figur der erfüllten Liebe, sondern des Aufbruchs. Er vermittelt zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, zwischen dem Sichtbaren und dem, was dahinter liegt. Sein Pfeil trifft nicht wahllos. Der sehende Eros der platonischen Tradition begehrt in Richtung des Schönen und Wahren und ist eine ethische Kraft, weil er unterscheidet, weil er auf etwas Wirkliches zielt. Ästhetisch erfahre ich ihn als jene innere Saite, die zum Klingen gebracht wird, wenn ich mich der Schönheit ohne Vorbehalt öffne, nicht als distanzierter Betrachter, sondern als jemand, der bereit ist, berührt zu werden.

Thorvaldsens Eros erscheint ohne Augenbinde, und das ist keine Nebensächlichkeit. Der blinde Amor der moralisierenden Tradition ist eine Warnung vor der Liebe als willkürlicher, urteilsloser Macht. Der sehende Eros dagegen, den Thorvaldsen zeigt, ist Einladung zum offenen, unterscheidenden Begehren, das vom Einzelnen zum Allgemeinen führt, wie Diotima es dem Sokrates erklärt.

Die Grazien halten seinen Pfeil in Händen. Sie geben ihn nicht zurück, sie schießen ihn nicht ab. Eros hat die Leier beiseitegelegt und schaut zu ihnen auf. Alles ist in der Schwebe. Es ist kein Moment der Handlung, sondern ein Moment der Möglichkeit, und genau darin liegt die ästhetische Kraft dieser Skulptur. Sie zeigt nicht den Treffer, sondern die Bereitschaft, getroffen zu werden.

Diese Bereitschaft bedeutet für mich das Ablegen der Rüstung aus Status, Wissen und Werturteilen. Wenn ich so vor Thorvaldsens Skulptur stehe, werde ich selbst zur vierten Figur in der Gruppe, neben den drei Grazien und dem wartenden Eros, offen, ohne Rüstung, bereit für das Erschauern, für das Getroffenwerden und für das unbedingte Ja zum Leben.

Pygmalion and Galatea
Jean-Léon Gérôme, ca. 1890

Was dieses Getroffenwerden bedeutet, zeigt Jean-Léon Gérômes Gemälde „Pygmalion und Galatea“ von 1890 mit einer fast zauberhaften Anschaulichkeit. Pygmalion verliebt sich nicht blind in irgendjemanden, sondern in das, was er selbst als vollkommene Schönheit begreift und mit eigenen Händen gestaltet. Sein Begehren ist schöpferisch, nicht destruktiv. Und der entscheidende Moment ist der Kuss, der Augenblick, in dem Stein zu Fleisch wird, in dem das Ideal sich ins Lebendige verwandelt. Bei Thorvaldsen ist der Pfeil noch in der Schwebe. Bei Gérôme ist er bereits abgeschossen. Beide Bilder zusammen beschreiben den ganzen Bogen des sehenden Eros, von der Bereitschaft bis zur Verwandlung, vom Innehalten bis zum unbedingten Ja zum Leben.

Vivat Amor.

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