
Weiter geht es mit einer bequemen Direktverbindung von Wien nach Prag. Ganz in der Nähe des Prager Hauptbahnhofes steht die Jerusalemer Synagoge. In einem Haus von 1846 schräg gegenüber bietet die jüdische Gemeinde Ferienwohnungen an. Meine liegt im zweiten Obergeschoss und ist modern renoviert und sehr geräumig. Der Check-In läuft wie immer über WhatsApp reibungslos.


Während der fünfstündigen Bahnfahrt unterhielt ich mich mit einem sympathischen Arzt aus Alabama, der für Trump gestimmt hat, weil er ihn für das geringere Übel gehalten hat. Er kannte sich in Geschichte gut aus, hatte 30 Jahre lang in Kanada gelebt und war viel gereist. Also ein Mann mit Lebenserfahrung. Deshalb war das Gespräch interessant, aber für mich auch sehr irritierend. Auch er folgte treu dem republikanischen Muster, an allem, was schlecht ist, reflexartig den Demokraten die Schuld zu geben und die jetzige Regierung trotz ihrer verbalen Ausfälle und törichten politischen Handlungen recht zu geben.
Seine Argumente, wonach alle anderen irren und nur er die Wahrheit kenne, klingen wie die Logik eines Geisterfahrers, der meint, der gesamte Verkehr bewege sich in die falsche Richtung.
Eine Lektion, die ich während meiner Zeit in den USA gelernt habe, kam jetzt zum Tragen: We agreed to disagree.


Selbstverständlich stand als Erstes der Besuch dieser wunderschönen Synagoge auf dem Programm. Ich bin angesichts der maurischen und orientalischen Formen des Gebäudes überrascht. Das Gebäude ist bis ins letzte Detail liebevoll innen und außen restauriert. Auf der Frauenempore gibt es eine Ausstellung zur Geschichte der Gemeinde, die ich aber wegen ihrer Ausführlichkeit nur kurz ansah.


Viele bekannte, teure Marken drängen sich in der schicken Pařížská. Hält man genügend Abstand zu den Schaufenstern, kommt man vielleicht ohne Tüte, aber mit unversehrtem Konto nach Hause.


Ich war 2002 schon einmal in Prag und erinnere mich noch gut an den Spaziergang über die Karlsbrücke zur Prager Burg. Die berühmte Steinbrücke über die Moldau verbindet seit dem 14. Jahrhundert die Altstadt mit der Kleinseite. Da die Moldau bei Prag ein ziemlich breiter, ruhig fließender Fluss ist, misst die Brücke 515 m in der Länge und 10 m in der Breite. Dennoch gibt es hier am Nachmittag im Sonnenschein eine große Drängelei auf der nur für Fußgänger geöffneten Brücke. Die „andere Seite“ werde ich mir morgen ansehen.



Ich schlendere zurück in Richtung Jerusalemer Synagoge. Unterwegs trinke ich Kaffee in einem besonders schönen Jugendstilcafé. Neben Häusern aus der Gründerzeit und einigen sehr modernen findet man auch viele Häuser, die durch den Jugendstil geprägt sind.

Den Wandel der Zeit kann man auch an den Fassaden ablesen. Die prachtvolle Wandmalerei von Mikoláš Aleš aus dem späten 19. Jahrhundert wirkt wie eine Postkarte aus einer anderen Epoche und steht in einem fast ironischen Kontrast zum Hard Rock Cafe, das heute in diesem Haus breit gemacht hat.
