
Zur Sicherheit hatte ich mir den Wecker gestellt. Als Frühaufsteher wäre das nicht nötig gewesen, aber sicher ist sicher, denn es galt, den Zug von Bari nach Rimini zu erreichen und vorher das Auto bei der Vermietstation zurückzugeben. Das gelang problemlos, weil ich nicht im Berufsverkehr stecken blieb und mich an die Örtlichkeiten in Bari erinnerte.

Der Zug kam mit fünfzehn Minuten Verspätung, die sich im Laufe der Strecke auf eine Stunde ausdehnte. Großartig, d.h. mehr Zugfahrt fürs gleiche Geld. Die 600 Kilometer schaffte der Zug in neun Stunden – genauso schnell wie das Auto, nur ohne den stressigen Verkehr und das endlose Sitzen. Die Bewegungsfreiheit im Zug lerne ich immer mehr zu schätzen, auch das kurze Nickerchen zwischendurch.

Ich hatte schlecht geschlafen, weil mein Gedärm Überstunden machen musste. Das türkische Essen in Matera war mir nicht bekommen und ließ mich nachts eine Art unfreiwilliges Yoga vollführen. Über das transparente Toilettenpapier hatte ich schon berichtet. Jetzt ist es aber an der Zeit, die ganze Wahrheit italienischer Toiletten nach meinen empirischen Erfahrungen zu teilen. Die Papierhalter werden in der Regel links oder rechts neben dem Wasserkasten montiert, sodass man sich fast um 180 Grad drehen muss, um ans Papier zu kommen, was sehr unbequem ist. Beim Schreiben beschleicht mich die Vorstellung, dass man sich vielleicht rittlings auf die Toilette setzt. Vielleicht ist auch der Stuhl‑Yoga, der derzeit auf Facebook propagiert wird, von solchen Erfahrungen inspiriert.

Vom Fenster aus sehe ich schneebedeckte Berge, Felder mit Weinstöcken und Olivenbäumen – und sehr viele Strände. Die Eisenbahnschienen wurden seinerzeit offenbar sehr dicht am Strand verlegt, wohl um fruchtbaren Boden zu sparen. Jetzt zerteilen sie die Dörfer oder trennen Campingplätze an den Stränden von den Orten. Manchmal sausen wir keine zehn Meter an den Wohnwagen vorbei.

Der Himmel war den ganzen Tag blau, und die Strände sahen einladend aus. So fasste ich den Plan, das Umsteigen in Rimini zu nutzen und etwas auszudehnen, das Gepäck am Bahnhof einzuschließen und am Strand zu essen. Gepäckfächer waren jedoch nicht aufzutreiben, und so fuhr ich nach einem Kaffee planmäßig mit dem nächsten Zug weiter nach Ravenna.
Keine hundert Meter vom Bahnhof beziehe ich ein Hotel, das ich während der Bahnfahrt gebucht hatte. Ich hatte mir die Option offenhalten wollen, vielleicht in Rimini zu übernachten.

Mein erster Eindruck ist, dass der Frühling hier im Norden Italiens ein frisches Grün auf die Bäume gezaubert hat. In der Fußgängerzone sehe ich sehr viele Schüler und Studenten, die von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten marschierten. Ich werde morgen dasselbe Programm flanierend absolvieren.
Voller Vorfreude genieße ich das Abendessen auf dem Rathausmarkt.
