
Meine Faszination für Sonnenaufgänge dürfte niemandem verborgen geblieben sein, der mir bis hierher gefolgt ist. Der Blick aufs Meer aus Wolken und Wasser ist jeden Moment anders. Licht und Farben, die Höhe und der Sound der Wellen, das Glitzern der Sonne oder Wellenkrämme – alles ist einmalig und nur in diesem Moment.
Es ist oft das gleiche, aber nie dasselbe. Heute hüpfte mein Herz vor Freude, als nicht weit entfernt an der Küste zwei oder drei Delphine zogen. Diese herrlichen Tiere konnte ich mit der Handykamera leider nicht besser einfangen, aber mein Blick folgte ihnen, bis sie zum Fressen in die Tiefe abtauchten.
Ich holte Erika zu einem Ausflug ab. Erster Stopp war Taormina, das heute weniger überlaufen war, als wir es in Erinnerung hatten. Mit Fantasie kann man sich den Charme vorstellen, der Reisende früherer Zeiten, wie Oscar Wilde, anlockte.


Eine Freundin von Erika gab uns eine Empfehlung für ein abseits gelegenes Restaurant mit Hausmannskost, wo wir pranzo hielten. Von der Terrasse des Restaurants konnte man in das darunterliegende Odeon, das kleine römische Theater, sehen. Da L’Etna sich in Wolken gehüllt hatte, gingen wir nicht ins große griechische Theater, wo man sonst so einen Ausblick genießen kann.




Als ich auf YouTube Filme von den Zerstörungen in Letojanni sah, war ich entsetzt, weil ich bei meinem letzten Besuch dort schöne Stunden verbracht hatte. Die gröbsten Schäden durch Hurrikan Harry sind bereits behoben und auch der Rest dürfte bald repariert sein.
Ein Besuch bei „Johny Stecchino aks Johnny Toothpick in Letojanni „ist für Filmliebhaber eine MUSS. Den amüsanten Mafia-Film von 1991 kann man auf YouTube in ganzer Länger sehen.
Ähnlich sah es in Giardini Naxos aus. Von dort genossen wir den Blick auf Taormina, das im Licht der untergehenden Sonne verführerisch schön anzusehen war.

Auch diese Autofahrt wurde zu einer lebendigen Geschichtsstunde. Wir fuhren an Plätzen, Stränden und Häusern vorbei, zu denen Erika interessante Geschichten zu erzählen wusste. Viele ihrer Erinnerungen und Beschreibungen reichen 65 Jahre zurück, denn so lange lebt sie hier.

Was mir in Erikas Geschichten immer wieder auffällt, ist, wie tief alte Traditionen und überkommene Vorstellungen von Scham das Denken und Handeln der Menschen prägen – damals wie heute. Manchmal wirkt es, als hätte es die 1968er und die Moderne mit ihrer Popkultur nie gegeben. Und doch tauchen selbst hier erste Zeichen eines neuen Bewusstseins auf, etwa bei der Mülltrennung. Der Katholizismus, das als notwendig empfundene Mitmachen bei Korruption und die Angst vor der organisierten Kriminalität entfalten eine systemische Gewalt, die den gesellschaftlichen Fortschritt lähmt.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Debatte, die Gisèle Pelicot angestoßen hat: die Idee einer Umkehr der Scham. Nicht die durch Vergewaltigung verletzte Frau, nicht die Mutter eines unehelichen Kindes soll sich beugen – sondern der Täter bzw. der Mann, der sich seiner Verantwortung entzieht, muss sich schämen! Es ist zu hoffen, dass sich die Moral der Gesellschaft grundlegend umkehrt.