Licht in finsterstem Tal

Vor mir liegt ein Bleistift aus Holz mit schwarzer und goldener Lackierung und einer schwarzen Graphitmine. Das obere Ende ist abgerundet, das andere Ende angespitzt und zum Schreiben bereit. Wenn ich nacheinander diese Bestandteile entferne, bleibt nichts von dem Bleistift zurück. Wo oder was ist das Bleistift-Sein? 

Die Benennung? Für einen Engländer ist es ein Pencil, für einen Franzosen ein Crayon – das kann es also nicht sein. Die Verwendung? Der eine verwendet den Bleistift zum Schreiben oder Zeichnen, der andere als Lesezeichen in einem dicken Buch. Ein Hund würde ihn als ein Ding verwenden, auf dem man prima herumkauen kann. 

In der konventionellen Welt können wir das Ding anhand seiner Beschaffenheit, seiner Benennung oder seiner Verwendung beschreiben. Aber in einer endgültigen Wahrheit, die unabhängig ist von Beschaffenheit, Benennung und anderen Konzepten, wird die wahre Natur der Existenz aller Dinge beschrieben – und diese ist leer davon, das eine oder andere zu sein.

Bei mir kam es 1998 bei meiner ersten persönlichen Begegnung mit dem Dalai Lama zu einem Moment der „Einleuchtung“. Er erzählte von jemandem, der in Indien nachts ein zusammengerolltes Etwas an einer Hecke liegen sah. Er hielt es für eine Schlange und flüchtete in Todesangst auf einen Stuhl. 

Mit einer Taschenlampe besah er sich das Etwas aus sicherer Entfernung und stellte fest, dass es nur ein Gartenschlauch war, den der Gärtner dort hatte liegen lassen. Im Lichte der Taschenlampe kam ihm die Erkenntnis, dass er auf dieses Etwas irrtümlich Eigenschaften projiziert hatte, die es gar nicht hatte. Weil seine Angst auf der falschen Zuschreibung beruhte, löste sie sich restlos auf.

Die Angst ist in dieselbe Leerheit gegangen wie das irrtümliche Schlange-Sein. Wenn wir in dieser Weise über Dinge nachdenken, können wir beobachten, wie sich unser Kummer und unsere Sorgen auf dieselbe Weise auflösen. Sie sind das Produkt oder, mit anderen Worten, die Wirkung von vielen Ursachen. 

Es ist ein naturwissenschaftliches Prinzip, dass dieselben Ursachen immer dieselben Wirkungen hervorbringen. Ändere ich eine oder mehrere Ursachen, ändert sich das Ergebnis. Der Buddha hätte die Worte Kausalität oder Naturwissenschaft nicht gebraucht – aber er hätte genickt.

Es ist das eine, dieses Prinzip zu verstehen, und das andere, es im Alltag stets zu vergegenwärtigen. Auch wenn man dieses Prinzip in der Meditation auf viele andere Situationen eingeübt hat, kommt es vor, dass man nicht immer „eine Taschenlampe“ zur Hand hat. Der eigene Wahnsinn – und auch der in der Welt – ist ständig nach seiner möglichen Wahrheit zu befragen.

Kleine alltägliche Momente bieten oft einen frischen Ansatz für eine analytische Meditation. Als ich heute Vormittag im Café saß und meine Tasse Kaffee in der Hand hielt, stieß mich jemand an und ich verschüttete den Kaffee. Warum verschüttete ich Kaffee? 

Man möchte spontan sagen: weil mich jemand anstieß. Doch das erklärt nur den äußeren Anlass. Der eigentliche Grund liegt näher: Ich verschüttete Kaffee, weil Kaffee in der Tasse war. Wäre Tee darin gewesen, hätte ich Tee vergossen. Wir vergießen immer das, was wir in uns tragen.

Wenn das Leben uns anstößt – und es tut das regelmäßig –, tritt zutage, was in unserem Inneren ist: Angst oder Zuversicht, Kleinlichkeit oder Großzügigkeit, Ärger oder Gelassenheit, Hass oder Liebe, Neid oder Mitgefühl. 

Daraus ergibt sich für mich eine einfache Einsicht: Ich bin verantwortlich dafür, womit ich meinen Geist fülle. Wenn ich nur Krimis im Fernsehen sehe, werde ich auch überall Gefahren und Verbrechen „sehen“. Im Gegensatz dazu erfüllen Gebete wie das Vaterunser oder im Buddhismus die „Sieben Zweige“ keine Wünsche, aber sie schaffen eine gute innere Haltung. In diesem Sinne ist Meditation eine Geistesschulung.

Im Vertrauen auf das oben genannte Prinzip denke ich in Anlehnung an eine Zeile aus dem 22. Psalm: Das Prinzip ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, auch wenn ich in finsterstem Tal wandern muss, fürchte ich kein Unglück, denn es ist bei mir.

Denn eines ist sicher: Der nächste Stubs kommt bestimmt.

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