Die Fahrt durch die Po-Ebene bleibt ein grauer Streifen im Gedächtnis. Ein dichter Nebel liegt über dem flachen Land. Der Regionalzug hält pünktlich an jeder Station und jagt dazwischen mit 159 km/h weiter dem Ziel entgegen. Die Menschen telefonieren laut, hören Musik ohne Kopfhörer oder spielen Handyspiele mit voller Lautstärke – eine Geräuschkulisse wie auf einem Jahrmarkt, nur ohne blinkende Lichter.

Der zerbrochene und gekittete Teller von gestern geht mir nicht aus dem Kopf. Ein Wink des Lebens? Er steht für mich als Symbol dafür, nicht zu bejammern, was nicht mehr ist, wie es war, sondern das Beste aus dem zu machen, was ist. Der Teller steht für mich für Bruch und Kitt, für Verlust und Reparatur. Manches geht im Leben kaputt, einiges lässt sich kitten – und manchmal wird es gerade dadurch wertvoller, wie ein japanischer Kintsugi-Teller.
Das Taxi, das ich am Bahnhof genommen habe, setzt mich am Rand der Altstadt ab. In das Labyrinth der Altstadt sind Autos nicht geeignet – die Gassen sind zu schmal. Schnell habe ich eingecheckt in eine 100‑Quadratmeter-Wohnung im dritten Stock. Genua wirkt im ersten Moment wie das Gegenteil von Turin: verwittert, eng, schroff, an den Hang geklebt. Man läuft ständig bergauf oder bergab. Ich finde mich erstaunlich schnell zurecht, vielleicht weil es erst zwei Jahre her ist, dass ich hier war.
An der nächsten Ecke, im Pestobene, esse ich Nudeln aus Kastanienmehl mit frisch gemachtem Genueser Pesto. Da ich kein Teenager bin, der ständig sein Essen postet, verzichte ich darauf – schweren Herzens. Ich bin sicher, dass ich den hervorragenden Geschmack nicht vergessen werde. Hier das Rezept:

Der Stadtplan bleibt in der Tasche; ich erinnere mich noch gut an meine Wege von vor zwei Jahren. Die Prachtstraße der Altstadt, die Via Garibaldi, finde ich sofort wieder – jene schmale, elegante Straße, in der auch der Palazzo Rosso steht. Die ganze Straße gehört seit 2006 zum UNESCO‑Weltkulturerbe. Die Häuser stehen in der Altstadt von Genua dicht beieinander, um sich im Sommer Schatten zu schenken. Mein Blick wandert immer wieder in die zweite Etage, die Belle Étage: Hinter schlichten Fassaden entdecke ich Stuckdecken, Fresken, unerwartete Schönheit. Wo immer sich eine schwere Portaltür öffnet, blitzt ein Innenhof auf, begrünt, mit Brunnen – kleine Welten hinter Stein.







Ich kaufe ein Ticket für drei Palazzi. Die Villa Rosso ist ein barocker Koloss, mit wuchtigen Deckenmalereien. Zwei Belle Étage übereinander, dazwischen die Etage der Bediensteten – die allerdings in Räumen lebten, die heute noch prächtig wirken. Dort wohnte auch die Geliebte des Hausherrn, in Zimmern, deren bemalte Decken zum Greifen nah scheinen. Vom Garten des gegenüberliegenden Palazzo Bianco – er liegt im ersten Obergeschoss und ist von der Straße aus nicht zu sehen – kann man die Belle Étage des Palazzo Rosso gut erkennen.




Zwei Darstellungen des Heiligen Gerolamo – bei uns heißt er Hieronymus – ziehen mich besonders an. Nicht nur, weil sie nebeneinander hängen, sondern weil sie dieselben Elemente völlig unterschiedlich inszenieren. Van Cleve und Dürer verwenden die gleichen Attribute: den roten Kardinalshut, die erloschene Kerze, den Totenschädel, das Kruzifix, den zerrissenen Rosenkranz. Selbst die Körperhaltung ist ähnlich, und doch sprechen die Bilder anders.
Bei Dürer (links) zeigt der Heilige mit dem Finger auf eine Vertiefung im Schädel – nicht auf ein Loch, sondern auf den Punkt, an dem Denken, Vergänglichkeit und Erkenntnis zusammenfallen. Eine Geste, die sagt: Hier endet alles, hier beginnt das Wesentliche. Van Cleve hingegen berührt die Stelle nur leicht, fast zögerlich, als würde er der Kraft seiner eigenen Bildsprache nicht ganz trauen. Deshalb schreibt er zur Sicherheit den Satz „Respice finem“ dazu – „Bedenke das Ende“.

Später sitze ich in den Arkaden mit Blick auf den Hafen, in einem kleinen Fischlokal neben dem Fischladen. Frischer geht es nicht. Die Antipasti schmecken nach Meer, die Auster wirkt, als sei sie direkt auf meinen Teller gesprungen. Danach gegrillte Scampi. Ein kleines Glas Wein macht mich angenehm leicht im Kopf, und ich gehe zurück ins Hotel.
Am Ende dieses Nachmittags zeigt meine Uhr acht Kilometer an – acht Kilometer Genua, gesehen, erlaufen, aufgenommen.

Falls ihr Lust auf noch mehr Eindrücke aus Genua habt: Hier geht’s zu meinen Bildern aus dem Jahr 2023. (Mama, hier klicken!)