
Prächtiges Wetter. 24 Grad und Sonnenschein. Damit ist für mich bereits die Grenze des Erträglichen erreicht. Ich flüchtete mich in den Palazzo della Cultura in Catania, wo die Ausstellung „New York 1980“ gezeigt wird.

Der Ausstellungstext beschreibt ein explosives Jahrzehnt radikaler Kreativität, Exzesse und politischen Aufbegehrens. Über 150 Werke aus Privatsammlungen und internationalen Galerien bringen zwei Welten in Dialog: den Mainstream und den Underground. Im Mainstream begegnen einem Warhol, Haring, Basquiat, Indiana, Beuys. Doch der eigentliche Humus liegt im Underground, wo Breakdance, Hip-Hop, Graffiti und Street Art als Sprachen sozialer und rassischer Emanzipation entstehen. Aus dieser Spannung heraus werden Basquiat und Haring zu Schlüsselfiguren, die die Energie der Straße ins Kunstsystem tragen. Daneben James Brown, Ronnie Cutrone, Richard Hambleton, der „Pate der Straßenkunst“, sowie Rammellzee, A-One, Kool Koor, Coco 144 und viele andere.

Der Gang durch die Ausstellung war für mich eine sentimentale Zeitreise, verbunden mit dem melancholischen Gedanken, dass das alles schon mehr als vierzig Jahre her ist.

Ab 1980 war ich jedes Jahr in New York und anderen Städten in USA unterwegs. Es gab damals so etwas wie Interrail für den Himmel: North West Orient Airlines bot ein Monatsticket zum Pauschalpreis an, mit dem ich so viel fliegen konnte, wie ich wollte. Und ich wollte. Im kleinen Flensburg aufgewachsen, konnte für mich die Welt gar nicht groß genug sein. Mit großen Augen und ungebremster Abenteuerlust stürzte ich mich mit Lust und Neugier in alles, was sich mir anbot.

Ein Satz aus „Yesterday“ bringt es für mich auf den Punkt: Love was such an easy game to play! Und ich wollte spielen. Neben San Francisco und Key West war New York mein Lieblingsspielplatz.
Zu Hause war ich nicht an Kunst herangeführt worden. Im East Village fand ich sie, zusammen mit den billigsten Unterkünften, die ich mir leisten konnte. Zum Glück brauchte ich damals nur fünf Stunden Schlaf, weil ich auf Alkohol verzichtete und aus Angst die Finger von Drogen ließ. Ich war high von Partys, Discos, Vernissagen und von Events wie Wigstock.
Ich muss in meinen Reisetagebüchern nachsehen, ob ich schon beim spontanen Ur-Wigstock 1984 dabei war oder erst beim ersten offiziellen Festival 1985. Für mich als Landei war Wigstock ein kosmisches Überraschungsei: bunt, laut, schrill, anarchisch, voller Möglichkeiten. Alles durfte sein, nichts musste sein.
1994 fanden die Gay Games IV vom 18.–25. Juni in New York statt. Drei Monate zuvor war ich Mitglied des Organisationsteams geworden. Wigstock gehörte offiziell nicht zu unserem Programm, aber viele ihrer Protagonisten prägten auch diese Szene. Einige traf ich damals, darunter RuPaul und Lady Bunny, und sah sie heute auf den Fotos der Ausstellung wieder. Wigstock ist ein einflussreicher Meilenstein der Popkultur.
Was Wigstock war? Das beantwortet ein kleines YouTube-Video: https://www.youtube.com/watch?v=x6Kx3Wo4DJc
Es waren spannende Reisen und Erlebnisse, die nicht an meiner Wiege gesungen wurden, aber sie entsprachen meiner eigenen inneren Melodie, die ich seitdem vor mich hin summe. Vielleicht schreibe ich eines Tages die Oper meines Lebens.

So prächtig zeigt sie L’Etna über der Haupteinkaufsstrasse von Catania und so vom Supermarkt aus, in dem Erika einkauft. Der Zustand des Straßenbelags ist typisch für Sizilien.

Die Ausstellung hatte mich tief aufgewühlt, und ich freute mich, mit einer Familie aus Leipzig in einem Café zu plaudern. Als ich nach Acireale zurückkam, hing an meiner Tür eine große Tüte mit Zitronen.