
Am Nachmittag fuhr ich rauf nach Acireale, um etwas einzukaufen. Die Stadt ist auch heute, obwohl die Sonne scheint und wir 16 Grad haben, fast menschenleer.

Die Verkäufer in den meist winzigen Läden stehen sich die Beine in den Bauch und warten auf Kundschaft. Dass sich das betriebswirtschaftlich nicht rechnet, beweisen die vielen leerstehenden Geschäfte. Die Regierung Meloni hat die Einführung eines gesetzlichen Mindeststundenlohns von 9 Euro 2023 parlamentarisch blockiert, mit dem Argument, die bestehenden Tarifverträge seien ausreichend. Bemerkenswert ist dabei: Melonis Partei Fratelli d’Italia versteht sich, ähnlich wie die AfD in Deutschland, als Vertreterin der einfachen Arbeiter, lehnt aber einen gesetzlichen Mindestlohn ab. Der italienische, durchschnittliche Stundenlohn im Handel und bei Dienstleistungen liegt bei 6 bis 8 Euro, in Gastronomie und Tourismus bei 5 bis 7 Euro.
Der Mindestlohn ist in Deutschland am 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro gestiegen. Wer in Deutschland 45 Jahre lang für den Mindestlohn in Vollzeit arbeitet, erhält rund 2.400 Euro brutto im Monat und eine Rente von rund 1.150 Euro, was knapp über der Grundsicherung liegt. Es ist davon auszugehen, dass diese Arbeitnehmer während der Erwerbsphase und danach auf staatliche Hilfen wie Wohngeld angewiesen sind, die vom Steuerzahler gezahlt werden. Somit subventioniert die Allgemeinheit die billigen Arbeitskräfte der Unternehmen.
Mich interessiert der Vergleich mit Italien und er überrascht mich: Bei einem angenommenen Stundenlohn von 8 Euro, erhält ein Arbeiter nach 45 Jahren in Italien eine Rente von ungefähr 1.050 Euro.

Während ich bei einem Cappuchino im Internet recherchiere, laufen auf dem Platz zwischen Dom und Rathaus viele Rot Kreuz Helfer emsig hin und her und bereiten ein Spalier vor, durch das die Vertreter von 26 Rot Kreuz- oder Roter Halbmond-Organisationen zum Empfang beim Bürgermeister gehen. Alle Anrainerstaaten sind vertreten und werden mit Applaus begrüßt. Es war ein Vertreter aus Palästina, aber keine aus Israel dabei.
Über Erikas Sohn Alex, hörte ich und später las ich in der loklen Presse:
292 Migranten sind angekommen, darunter 64 Überlebende des jüngsten Schiffsunglücks. Sie erreichten die Insel in sieben Booten. Guardia di Finanza und Küstenwache führten die Rettungen durch und unterstützten zusätzlich die NGO Safira 2, die 40 weitere Menschen rettete, darunter 4 Frauen und eine Minderjährige aus Eritrea, Äthiopien, Guinea, Somalia und Sudan. Im Hotspot befinden sich aktuell 394 Personen.
Im Hotspot jetzt 394 Menschen. Alex ist einer der Rot Kreuz Helfer, der die Gäste-betreut.

Da die Tür der Kathedrale Maria Santissima Annunziata offen stand, nutzte ich die Gelegenheit für einen kurzen Blick ins Innere. Eine unerwartete Überraschung war eine Kopie des Turiner Grabtuchs aus dem 17. Jahrhundert, die dort ausgestellt war. In Turin selbst war das Original nicht zugänglich gewesen. Die Verbindung zwischen Turin und Acireale führt über die Dynastie der Savoyer: Sie waren Besitzer des Grabtuchs und ließen zahlreiche Kopien an Kirchen ihres Herrschaftsgebiets verschenken, und so gelangte auch ein Exemplar nach Acireale.

