
Ich holte Jochen vom Campingplatz Jonio, wo er mit seinem Wohnmobil steht. Der Platz ist wunderschön an der felsigen Küste am Stadtrand von Catania gelegen. Das schöne Wetter wollten wir für einen Ausflug nach Brucoli nutzen. Dazu mussten wir Catania in südliche Richtung umfahren und konnten dabei feststellen, wie weitläufig die Stadt mit ihren 300.000 Einwohnern ist.

Brucoli ist ein kleines, gemütliches Fischerdorf, das von Touristen kaum besucht wird. Neben der Marina gibt es nur eine Attraktion, nämlich das Castello di Brucoli. Die Burg wurde von Königin Giovanna Enríquez in Auftrag gegeben, die das Gebiet von ihrem Ehemann, König Johannes II. von Aragonien, geschenkt bekommen hatte. Ich erinnerte mich an die Lektüre von Heinrich Manns „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“, in dem auch das Königreich Aragon eine Rolle spielte.

Bei der Recherche über Heinrich Manns Henri Quatre wurde mir wieder bewusst, wie sehr die politischen Konstellationen der Vergangenheit unsere Vorstellungen prägen und wie leicht man sich dabei irren kann. Ich erinnerte mich daran, dass das Königreich Aragón im Roman eine Rolle spielte und meinte, es habe auf der Seite Heinrichs IV. gestanden. Doch tatsächlich war Aragón zu dieser Zeit längst Teil der spanischen Habsburgermonarchie und stand gemeinsam mit Kastilien, León, Valencia, Katalonien, Neapel, Sizilien und den Niederlanden auf der Seite der Habsburger und des Papstes im französischen Religionskrieg des späten 16. Jahrhunderts.
Solche Rückblicke machen mir immer wieder bewusst, wie zufällig etwas wie eine Staatsangehörigkeit ist. Europa war nie ein Mosaik aus sauber getrennten Nationen. Dass wir heute „Franzosen“, „Spanier“, „Deutsche“ oder „Italiener“ sind, ist das Ergebnis einer langen, oft chaotischen Geschichte, ein Geflecht aus Dynastien, Bündnissen, Kriegen, Ehen, Zufällen und kulturellen Strömungen. Und weil wir so viel gemeinsame Vergangenheit haben, sollten wir Europäer an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten.
Es ist mir jedes Mal ein Vergnügen, solche Ausflüge vorzubereiten oder nachklingen zu lassen, Neues zu lernen, Vergessenes wiederzufinden oder Erinnerungen zu aktualisieren. Während leise Musik aus dem Computer kommt, der Milchkaffee dampft und das Meer vor dem Fenster rauscht, surfe ich im Internet durch die Geschichte.. In meinem persönlichen Paradies gibt es eine Ecke, einen Ort, an dem Neugier, Lernen und Ruhe zusammenfinden.

Wir ließen uns von den leckeren Auslagen eines Restaurants zu einem kleinen Pranzo verführen. Jochen kaufte frische Erdbeeren und Broccoli in Brucoli. Lentini hat seine Reize so versteckt, dass wir sie beim Durchfahren mit dem Auto nicht erkannten und zurück zum Campingplatz fuhren, wo Jochen ein feines Abendessen für uns zubereitete.
