Am Morgen hatte es nur 13 Grad, aber strahlendem Sonnenschein. Ich flanierte zur Karlsbrücke.

Unterwegs stieß ich auf ein Museum, das Arbeiten von Andy Warhol, Salvador Dalí und Alfons Mucha zeigte. Ich nahm an, dass es sich nur um Reproduktionen handeln könnte, weil es kein großes Museumsgebäude war, lag damit aber völlig falsch.

Neben den bekannten Serienproduktionen von Andy Warhol gab es auch eine Reihe von Illustrationen und Zeichnungen zu sehen, darunter die Amor‑Serie, die ich in diesem Umfang noch nie gesehen hatte. Neben den vielen Porträts in unterschiedlicher Farbgebung sind für mich die Bilder mit Campbell’s Soup nach wie vor die interessantesten. Stehen sie doch für den amerikanischen Traum von Individualität und Berühmtheit, der eben nicht so einfach zu erreichen ist, weil es dafür keinen Dosenöffner gibt. Aber meine weiteren Gedanken dazu, verdienen einen eigenen Essay – und den gibt es.



Eine Etage tiefer gab es Werke von Salvador Dalí zu sehen, der eben nicht nur surrealistische Bilder gemalt hat, sondern auch als Filmschaffender und Fotograf realistische Bilder geschaffen hat. Die Jugendstilmalerei von Alfons Mucha ist schön anzusehen, weil sie dekorativ ist und sich seinerzeit gut werblich einsetzen ließ.

Auf einem Marktplatz hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, alle hielten ihre Telefone und den Blick nach oben. Mein Blick folgte dem ihren um Punkt zwölf, als die große Turmuhr zwölfmal läutete und sich die astronomische Uhr bewegte.

Es war mir über Mittag zu heiß geworden und das Gedränge zu groß, als dass ich noch Lust gehabt hätte, den Berg zur Burg „hinaufzuschnaufen“. Ich machte es mir in einem Restaurant an der Moldau mit Blick auf die Karlsbrücke gemütlich und aß zu Mittag.

Unterwegs kam mir die Frage, ob es wohl viele Prager mit Rücken- oder Kopfschmerzen gibt, wie diese.

Ich war pünktlich zum Prager Gemeindehaus, dem Obecní dům, zurückgekehrt, um mir noch ein Stück Kuchen zu gönnen. Zum Abschluss dieser prallen Reise wollte ich ein Konzert hören – und Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ schienen wie die musikalische Zusammenfassung meiner vergangenen Wochen. Ich sah Schnee in der Schweiz und auf dem Ätna, erlebte das frühlingshafte Blühen der Mandelbäume, wanderte durch Apulien bei fast sommerlichen Temperaturen, und die Zitronenernte erinnerte mich an den Herbst. Und als Zugabe lockte mich der Hamburger Johannes Brahms musikalisch schon wieder in die Heimat zurück.

Das Prager Gemeindehaus ist weit mehr, als sein bescheidener Name vermuten lässt. Es ist ein glanzvoller Jugendstilbau, dessen üppige Ornamente, Mosaiken, Rundbogenfenster und vergoldeten Reliefs den Optimismus einer Stadt verkörpern, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts selbstbewusst neu erfand. Zugleich wirkt es wie ein Manifest ihrer Identität: ein Ort, an dem sich Kunst, Bürgertum und politisches Erwachen berühren. Und es ist ein Haus, das Prag im Laufe seiner wechselvollen Geschichte – von der späten Habsburgerzeit über die Erste Republik, Besatzung, Sozialismus und die Samtene Revolution – immer wieder neu definiert.



Das Konzert war gegen 18:30 Uhr zu Ende. Beseelt flanierte ich durch die Straßen und stieß dabei auf ein Angebot, das mich neugierig machte. Was mag wohl hinter der Tür von einem Bier‑ und Wein‑Spa passieren? Ich werde es selbst nie herausfinden, dafür vertrage ich von beidem zu wenig.

Ein paar Straßen weiter genoss ich die abendliche Stimmung bei einem Aperol Spritz und ließ den Blick schweifen. Dabei entdeckte ich im dritten Stock eines Hauses eine Tibet‑Fahne. Ich erinnerte mich an die Prager Erklärung vom November 2025. Ein Bündnis von rund 40 Staaten – Deutschland nicht darunter – hatte sie auf der Prager Burg verabschiedet und Chinas Anspruch, Einfluss auf die Bestimmung des nächsten Dalai Lama zu nehmen, entschieden zurückgewiesen – ein seltenes Dokument klarer Worte und ein deutliches Signal an Peking. Darauf trinke ich:
Möge der XIV. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, lange leben!
