22.04.2026 – Ravenna · Bologna · Venedig · Triest

Es fühlt sich fast unanständig luxuriös an, Rom und die Toskana dieses Mal einfach links liegen zu lassen, also keine Renaissance, keine Kuppeln, keine Medici und kein David. Mein Ziel ist Triest, wegen Johann Joachim Winckelmann. Seit meiner Goethe Italien-Reise 2013 schulde ich ihm einen Besuch. Damals hatte ich Triest allerdings mit Tarent verwechselt. Peinlich, aber vielleicht erklärlich, denn diese drei Städte heißen auf italienisch anders: Triest = Trieste, Trient = Trento, Tarent = Taranto. Jetzt also der zweite Anlauf.

Der Zwischenstopp in Bologna dauert eine Stunde. Warten im neuen unterirdischen Bahnhofsteil, der aussieht, als hätte man ihn für eine Zukunft gebaut, die noch nicht weiß, wann sie ankommen soll. Der Zug danach brechend voll. Alle wollen nach Ferrara, Padua, Mestre und ich nach Triest.

Padua empfehle ich übrigens jedem, der nicht bereit ist, in Venedig für ein Zimmer Haus und Hof zu verpfänden. Hübsch und wegen Palladio architektonisch interessant und nur 30 Minuten mit der Bahn vom venezianischen Wahnsinn entfernt.

Venedig Mestre schenke ich mir. 30 Minuten Aufenthalt reichen nicht einmal für einen Espresso. Ich will Neues. Und tatsächlich: Kaum rollen wir aus Mestre hinaus, tauchen in der Ferne schneebedeckte Berge auf. Ein schöner Empfang.

120 Meter vom Triester Bahnhof entfernt steht ein Haus aus dem 19. Jahrhundert, das so tut, als sei es gerade erst aus dem Roman von Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“ gefallen, der zum Teil in dieser Stadt spielt. Der Fahrstuhl – klapprig, aber mit Sitzbank – stammt vermutlich aus derselben Epoche. Er bringt mich in den dritten Stock, wo ich ein Zimmer beziehe, das so groß ist, dass man darin problemlos einen kleinen philosophischen Salon gründen könnte. Der Blick geht auf den Bahnhof und den Park, und die Oberstadt leuchtet im Sonnenlicht, das Karstgestein glitzert wie frisch poliert.

Trotz des großen Hafens herrscht erstaunlich wenig Verkehr. Brindisi war dagegen ein einziges huphendes Chaos. Mein erstes Ziel ist natürlich das Winckelmann-Museum. Dafür durchquere ich die gesamte Unterstadt und erklimme am Ende den Berg, auf dem das Museum neben der Kathedrale und der Burg thronen.

Der Aufstieg wurde unterbrochen, weil der Weg kurzfristig durch Filmaufnahmen gesperrt war. Es war herrlich, wieder zu Atem zu kommen mit der frischen Luft eines Filmsets. Die Ausflüge an einen Set waren immer Höhepunkte in meinem Berufsleben.

Über Winckelmann habe ich schon an anderer Stelle geschrieben – siehe Thorvaldsen-Museum in Kopenhagen und Weimarer Klassik. Der Mann aus Stendal in Brandenburg, Sohn eines Flickschusters, der sich durch Armut, Provinzlehrerstellen und schlechte Bibliotheken nach oben arbeitete und in Rom Karriere machte, als wäre es das Natürlichste der Welt. 1754 konvertierte er zum Katholizismus – nicht aus Überzeugung, sondern als Eintrittskarte in den Vatikan. Er liebte Männer, und diese Liebe war keine rein ästhetische Abstraktion: Seine Briefe sind für die Epoche erstaunlich offen, seine Schwärmerei für den männlichen Körper – den Apollon vom Belvedere, den Laokoon, den Antinous – war gelebte Leidenschaft. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen Archäologie. Die Art, wie er über die klassische griechische und römische Kunst schrieb, beeinflusst bis heute unser Verständnis von Ästhetik, auch wenn wir seinen Namen nicht kennen.

Sein berühmter Satz über „edle Einfalt und stille Größe“ hat das europäische Schönheitsideal für ein Jahrhundert geprägt – und wirkte weit über die Kunsttheorie hinaus. Goethe verehrte ihn tief und widmete ihm 1805 eine eigene Schrift: Winckelmann und sein Jahrhundert. Die Weimarer Klassik, so könnte man sagen, steht auf Winckelmanns Schultern – und Goethes Italienreise 1786 war nicht zuletzt eine Pilgerreise zu dem Ideal, das Winckelmann formuliert hatte. Auch Goethe übrigens liebte Männer – seine Zuneigung zu dem Herzog Carl August von Weimar, zu dem Künstler Johann Heinrich Lips und anderen war mehr als freundschaftlich. Zwei Männer, die die deutsche Geistesgeschichte geprägt haben, und deren vollständige Biografie lange nur in Andeutungen erzählt wurde.

1768, auf dem Rückweg von einer Reise nach Wien, machte er Zwischenstopp in Triest. Im Gasthaus traf er einen gewissen Francesco Arcangeli – vorbestraft, jung, offenbar attraktiv. Winckelmann vertraute ihm, wie so oft einem jungen Mann, dem er nicht hätte vertrauen sollen. Arcangeli erschlug ihn und raubte ihm goldene Medaillen, die ihm Maria Theresia geschenkt hatte. Winckelmann wurde 50 Jahre alt. Ein Leben, das klingt, als hätte es Stendhal erfunden.

Am Eingang des Orto Lapidario hängt eine Tafel, die Winckelmanns Leben auf zwei Sprachen erzählt – und auf beiden dasselbe verschweigt. Dass er Männer liebte, dass seine Schwärmerei für den männlichen Körper keine rein ästhetische Abstraktion war, dass seine Briefe in dieser Hinsicht für die Epoche erstaunlich offen waren – davon kein Wort. Stattdessen: der Gelehrte, der Methodiker, das Opfer eines Raubes. Dabei ist gerade Triest der Ort, wo diese Auslassung besonders auffällt. Die Umstände seines Todes – die kurze, rätselhafte Freundschaft mit dem vorbestraften Arcangeli im Gasthaus – sind ohne den Hinweis auf seine Homosexualität schlicht unvollständig erzählt. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist eine Entscheidung. Und sie hat einen Namen: heterosexuelle Normativität.

Nachdem ich mich nun fast drei Jahre mit dem Schreiben einer Biografie beschäftigt habe, weiß ich, dass das Verschweigen keine Neutralität ist. In einer multikulturellen und vielfältigen Gesellschaft gehört die Geschichte aller sozialen Gruppen zu den Tatsachen, die erzählt werden müssen. Sie nimmt dem Einzelnen die Würde, die aus der vollständigen Darstellung seines Lebens erwächst, und sie nimmt der Gesellschaft die Chance, sich selbst in ihrer Vielfalt zu erkennen. Wer bestimmte Aspekte verschweigt – sei es Herkunft, Religion, Klasse, Geschlecht oder sexuelle Orientierung – reduziert den Menschen auf eine halbe Wahrheit. Eine Informationstafel, die solche Dimensionen ausspart, ehrt nicht, sie halbiert.

Mein erster Eindruck der Stadt ist „nicht unfreundlich“, aber reserviert. Gegen 17 Uhr suche ich vergeblich nach etwas Essbarem. Im Vergleich zu allen anderen Städten, die ich auf dieser Reise besucht habe, ist das gastronomische Angebot knapp. Die wenigen Restaurants haben geschlossen, vermutlich weil das arbeitsame Triest beschlossen hat, dass Essen eine südliche Zeitverschwendung ist, der hier nichts verloren hat.

Die österreichische Marine war hier stationiert, als Sisi noch Kaiserin war. Aus dieser Epoche scheint nur noch das „Sacher Trieste“ übrig geblieben zu sein, ein Restaurant, das so tut, als sei die Monarchie nie untergegangen. Ich lande schließlich an der Hafenpromenade in einer Bar und bestelle ein Theresianer-Bier und bekomme eine Focaccia als Aperitivo. Lukullisch gesehen reicht das nicht und emotional gesehen auch nicht. Triest, denke ich, müsste eigentlich Trist heißen.

Ein Moment, in dem Triest seine Herzlichkeit offenbart.

Am Nachmittag hatten wir 16 Grad, Sonne, aber ein Hauch von Nordwind, der von den schneebedeckten Bergen wehte, sagte: „Zieh dir was über.“ Oder geh auf’s Zimmer.

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