
Ich bin nun seit einem Monat unterwegs. Die Reise hierher war abwechslungsreich: Ich lernte Lausanne und Turin kennen, sah Genua und Palermo wieder. In Acireale erfreute ich mich jeden Morgen an den Sonnenaufgängen, weniger jedoch am wechselhaften Wetter. In diesem Jahr regnet es häufiger, als die Sonne scheint.

Da beides keinen Einfluss auf meine Meditation oder meine Laune hat, war der geplante Stopp von vier Wochen genau richtig. Und es fühlt sich ebenso richtig an, dass das Bahnticket für die Weiterfahrt bereits gebucht ist.

Mittags aß ich am Fischmarkt und freute mich, Prescilla und ihren Mann wiederzutreffen, die ich zuvor auf Jochens Campingplatz kennengelernt hatte.
Am Nachmittag stellte ich mir die Frage, warum Jesus nicht einfach direkt nach der Kreuzigung auferstanden ist. Er konnte Kranke heilen und Tote zum Leben erwecken, also hätte er sich theoretisch auch selbst helfen können. Und Gott hätte ihn ebenso gut mit einem einzigen Wunder vom Kreuz befreien können – eindrucksvoll genug wäre es gewesen.
Vielleicht aber war der Zeitpunkt einfach ungünstig. Die Kreuzigung fand an einem Freitag statt, und die Nachricht darüber dürfte erst kurz vor Sonnenuntergang bei der göttlichen Verwaltung eingetroffen sein – also genau dann, wenn da so etwas wie „Büroschluss“ herrschte und der Sabbat begann. Mit Beginn des Sabbats durfte nach göttlichem Gebot nichts mehr getan werden: keine Arbeit, kein Transport, keine Salbung, kein Eingreifen. Nach Kants kategorischem Imperativ musste Gott sich an sein eigenes Gebot mit der Auferstehung bis zum Ende des Sabbats zurückhalten.
So blieb Jesus im Grab, bis der Sabbat vorbei war und die himmlische Verwaltung wieder geöffnet hatte. Erst dann, am dritten Tag, konnte die Auferstehung ordnungsgemäß stattfinden.
Sicherlich gibt es eine oder mehrere theologische Erklärungen dafür, die ich aber (noch) nicht kenne. Vielleicht hat die frühe Kirche sie sorgfältig überliefert, vielleicht stehen sie irgendwo zwischen Paulus und den Kirchenvätern, vielleicht auch in einer Fußnote, die ich überlesen habe.
Es gibt Geschichten, die zu schön sind, um erfunden zu wirken: Am Nebentisch stellte der Kellner die Frage, ob die Pizza in vier oder acht Stücke geteilt werden solle. Die Amerikanerin antwortete kokett: „Bitte vier – acht sind zu viele, die schaffe ich nicht.“

Heute ist Karfreitag, und am Abend findet eine Prozession statt, die am Dom beginnt und sich durch die Stadt bewegt. Die meisten Catanier sind mit Einkäufen und Aperitivo beschäftigt und sehen der schweigenden Prozession zu, der viele mit vollen Taschen folgen. Erstaunlicherweise sind alle Geschäfte geöffnet.

Der Höhepunkt der Prozession ist ein gläserner Sarg, in dem der Gekreuzigte liegt. Familien, Verbände und Berufsgruppen folgen mit großen Prozessionsfahnen.

Die Wartezeit bis zur Prozession verbrachte ich damit, Menschen zu fotografieren, die feststellten, dass ihre Arme zu kurz für ein gutes Selfie waren. Auch probierte ich neue Blickwinkel auf den Dom aus.




