
Ein ruhiger Tag am Meer.

Am frühen Abend fuhr ich mit Erika, um in der deutschen evangelisch‑lutherischen Gemeinde den Grünen Donnerstag zu feiern. Die Gemeinde besteht überwiegend aus Frauen, die durch Heirat nach Sizilien kamen und heute auf der ganzen Insel verteilt leben. Die Gottesdienste finden abwechselnd in verschiedenen Städten statt. Sie sind nicht nur Gottesdienst, sondern auch ein beliebter Treffpunkt von Freunden. Viele kennen sich seit Jahrzehnten. Sie alle teilen die gemischten Erfahrungen, als Fremde in einem anderen Land zu leben.
In einem grauen Haus am großen Markt von Catania befindet sich im zweiten Stock eine Wohnung, in der die Räume der Gemeinde untergebracht sind. Der Besuch war für mich auch eine willkommene Gelegenheit, den Grundriss einer herrschaftlichen Stadtwohnung kennenzulernen.
Die Wohnung hatte hohe Decken, reich mit Stuck verziert, Terracottafliesen auf den Fußböden, weitläufige Räume, die durch schwere Doppeltüren miteinander verbunden waren, und dicke Mauern, die im Sommer die Hitze zuverlässig draußen halten. All das verlieh der Wohnung eine gewisse Majestät, wie sie nur alte Stadtpalazzi besitzen. Man spürte in jedem Detail die Handschrift einer vergangenen Epoche, die Großzügigkeit im Raum, die verwendeten Materialien und die kühle Ruhe des Gemäuers.
Der Grüne Donnerstag leitet sich eigentlich von dem Wort „Greinender Donnerstag“ ab. An diesem Tag wurde viel geweint und geklagt, weil am Freitag die Kreuzigung Jesu bevorstand.
Wir, fünfzehn Personen, nahmen an einer langen Tafel Platz, und während dieses Abendmahls predigte die aus Brasilien stammende Pastorin. Mein Italienisch und meine Bibelkenntnisse reichen so weit, dass ich ungefähr verstand, worüber sie sprach.
Zu essen gab es sehr viel Grünes: Spinat, Mangold, Eier mit grüner Soße…
Danach wurde fröhlich und stundenlang in geselliger Runde geplaudert.
