
Am Nachmittag machte ich mit Erika einen Ausflug nach Sant’Alfio, das auf ungefähr 700 Metern Höhe am Hang des Ätna liegt. Erika ist immer wieder begeistert, welche Schleichwege der Navi kennt. Die Fahrt führt durch verwaiste Dörfer, die nur in den Sommermonaten lebendig werden. Wer es sich leisten kann, besitzt ein Haus in den Bergen, weil es dort im Sommer kühler ist als unten am Meer, und zusätzlich eines in der Stadt. Manche haben sogar noch ein drittes am Meer. Durch Erbschaften wechseln die Immobilien die Besitzer und werden leider oft vernachlässigt, weil die Erben längst ganz woanders leben. Wunderschöne Paläste und Häuser verfallen zusehends, sodass man sie fast aus Mitleid kaufen und renovieren möchte, wenn man das nötige Geld hätte.

Ziel unseres Ausfluges ist der Castagno dei Cento Cavalli bei Sant’Alfio, eine rund zweitausend Jahre alte Edelkastanie. Sie zählt zu den größten und ältesten Bäumen Europas. Ihren Namen erhielt sie durch die Legende, dass Königin Johanna I. von Neapel mit ihrem Gefolge während eines Unwetters unter seiner damals riesigen Krone Schutz gefunden haben soll. Mit einem Gesamtumfang von etwa 22 Metern und seinem Status als italienisches Naturdenkmal besitzt der Baum bis heute eine besondere Ausstrahlung. Angesichts seines methusalemhaften Alters fühlten sich Erika mit ihren 90 Jahren und ich mit meinen 66 Jahren geradezu wie junges Gemüse.

In das benachbarte Giarre verirren sich gelegentlich Touristen, aber sie haben es sicherlich nicht geplant. Vielleicht hat dieser Ort gerade deshalb seinen sizilianischen Charme bewahrt. In einem Eiscafé konnte ich mich trotz aller bisher gezeigten Zurückhaltung in Sachen Gelati & Co. nicht entscheiden. Die Qual der Wahl bestand aus Semifreddo mit Nüssen und Schokolade oder mit Nüssen und Karamell. Und wozu sich quälen? Beides schmeckte göttlich.
Schade, dass ich keine Eisdiele in Hamburg kenne, die Semifreddo anbietet. Dieses „Halbkalte“ ist eine unwiderstehlich cremige Verführung, die irgendwo zwischen Mousse und Eis wohnt und auf der Zunge schmilzt wie ein Kuss von Engeln, sodass man fast vergisst, welche Folgen es für den Umfang der Gürtellinie hat.

Zurück ging es entlang großer Zitronen‑, Orangen‑ und Mandelplantagen, vorbei an wunderschönen Kamelienbäumen, deren rote Blüten langsam verblühten.