Der Zug rollte pünktlich aus dem Harburger Bahnhof, und ich saß auf meinem reservierten Platz in einem fast leeren Abteil. Das überraschte mich – laut Buchung sollte der Schlafwagen ausgebucht sein, und auch im Liegewagen gab es kaum noch freie Plätze. Die neuen ÖBB-Sitze sahen zwar schick aus, erwiesen sich aber als unbequem und nicht verstellbar. Beim Buchen hatte ich an die großzügigen Liegesessel auf Fähren gedacht, die sich weit zurücklehnen lassen – eine Illusion, wie sich nun zeigte.
Eine Stunde wartete ich auf den Schaffner, um zu klären, ob diese Sitze vielleicht nur die Plätze zu den weiter hinten liegenden Liegeabteilen seien. Doch nein: Das hier war das reguläre Angebot. Immerhin ließ sich das Problem für dreißig Euro lösen – ein Liegeabteil war noch frei, und im Sitzen zu schlafen hatte ich wirklich keine Lust.

Die Gepäckregale – jene praktischen Vorrichtungen, an denen man seine Taschen für die Nacht anschließen kann – waren natürlich vollständig belegt. Gut, dass ich als Alleinreisender stets ein Drahtseil mit Vorhängeschloss dabeihabe. Es leistet verlässliche Dienste, nicht nur nachts, sondern auch dann, wenn man zur Toilette muss und das Gepäck nicht mitnehmen möchte.
Als ehemaliger Rotel-Reisender und Segler bin ich schmale Kojen gewohnt, und so war die Nacht dort deutlich angenehmer, als es der starre Sitz je hätte sein können. Ich schlief gut, eingehüllt in meinen Leinenschlafsack, mit einem winzigen „Kissenleinchen“ unter dem Kopf. Auch dieses Mal galt: Nicht immer hält das rote Licht, was es dem Wandersmann verspricht – zum Glück ließ sich das kleine Farbspiel ausschalten. Am Kopfende fand sich sogar eine kleine Durchreichtür zum Nachbarabteil, eine freundliche Konstruktion, die kurzen Kontakt ermöglicht, ohne die Privatsphäre aufzugeben.

In Zürich musste ich umsteigen. Das Interrail-Angebot ist großartig und günstig, doch die App zeigt zwar europaweit Verbindungen, nicht aber die oft verpflichtenden Sitzplatzreservierungen. Die muss man separat bei den jeweiligen Bahngesellschaften buchen. Wer dreimal umsteigt, braucht drei Reservierungen – und wenn eine fehlt, darf man den Zug schlicht nicht benutzen. Im Stehen fahren ist nicht erlaubt. Am Schalter in Zürich erfuhr ich, dass heute ein ganztägiger Streik der italienischen Bahn stattfand und eine Einreise nach Italien bis 21 Uhr nicht möglich sei – aber bis Lugano käme ich. Gut so. Da war ich noch nicht.

Mein eigentliches Ziel Turin erreiche ich heute nicht. Im Zug buche ich kurzerhand ein Hotel in Lugano und bin erleichtert, dass ich nichts stornieren muss. Wie es morgen weitergeht, weiß ich noch nicht. Um 14 Uhr werde ich in Lugano ankommen und dann weitersehen – eine Haltung, die das Reisen eigentlich erst zum Reisen macht.
Das Hotel liegt nur achthundert Meter vom Bahnhof entfernt. Da ich aber nicht einschätzen kann, wie steil die Straße bergauf führt, nehme ich ein Taxi – und zahle erwartungsgemäß die Mindestgebühr von zwanzig Franken. Lugano gilt als das Monte Carlo der Schweiz, und die Preise halten diesen Ruf aufrecht.
Etwas müde von der Fahrt und ohne Mittagessen verschiebe ich den Besuch in Montagnola und im Hermann-Hesse-Museum auf ein anderes Mal. Hesse lebte lange in dieser Gegend, in diesem milden, zwischen Alpen und See schwebenden Landstrich. Nächstes Jahr wird sein 150. Geburtstag gefeiert – Zeit genug, sich ihm dann ausführlich anzunähern.
Lugano selbst ist eine Stadt, deren einstiger Ruf sich nur noch mit einiger Phantasie erschließt. Die Altstadt ist hübsch, die Lage am See von unbestreitbarer Schönheit. Doch der Brutalismus, mit dem die neuen Häuser hier und eigentlich überall in der Schweiz errichtet werden, und die Unbarmherzigkeit, mit der sie die Hänge hochklettern, empfinde ich als abstoßend. Dieser zivilisatorische Eingriff erinnert mich an den unschönen Spülstreifen, den eine Welle am Strand hinterlässt – eine Linie, die nicht Natur und nicht Kultur ist, sondern nur Rücksichtslosigkeit.

Am späten Nachmittag gönne ich mir ein Käsefondue mit Trüffel. Allein dafür hätte sich der Umweg gelohnt. Die Portion war üppig, der Preis von vierzig Franken im Vergleich zu einem Teller Carbonara für 21,50 SFR geradezu fair. Ich werde davon noch tagelang satt sein.

Auf dem Rückweg führt mich der Weg am kleinen Park am See entlang, wo bereits die Magnolien blühen. Für uns Hamburger sind sie das, was für die Japaner die Kirschblüten sind – der unumstößliche Beweis, dass der Frühling begonnen hat. Die Magnolien wissen, wann es so weit ist. Und heute weiß ich es auch.

Kurz vor dem Hotel lockt mich Orgelmusik von Bach in eine Kirche. Ich trete ein und finde mich pünktlich zum Beginn eines eineinhalb Stunden langen Konzerts wieder. Was der Tag an Widrigkeiten und Umwegen bereithielt, löst sich in diesen Klängen vollständig auf.
Derartig beseelt steige ich auf mein Zimmer und schreibe diesen Eintrag fertig. Ein Blick zum Mond zeigt mir, dass erst in drei Tagen Vollmond ist. Vielleicht erklärt das die kleinen Umwege des Tages besser als alles andere 😉
