
Erika zeigte mir heute ihren alten Arbeitsplatz, die Universität Catania. Jahrelang hat sie hier Deutsch unterrichtet, in einem Palazzo aus dem 18. Jahrhundert, der einmal nach einem Erdbeben aus dem Lavagestein des Ätna neu errichtet wurde. Während wir durch die Höfe und langen Gänge gingen, erzählte sie von ihrer Arbeit als Lektorin an dieser sehr alten Universität.
Das brachte mich auf die Idee, die Universitäten von Catania und Hamburg zu vergleichen.

Die Universität Catania wurde 1434 vom aragonesischen König Alfons V. gestiftet. Sie ist die älteste Universität Siziliens, eingebettet in barocke Architektur und jahrhundertelange mediterrane Gelehrsamkeit.

Ich wünschte, ich könnte berichten, dass die universitäre Wiege der Gelehrsamkeit in Hamburg stand. Tatsächlich wurde bereits 1419 die Universität Rostock gegründet; sie ist die älteste Nordeuropas, ein hanseatisches Projekt in einer Epoche, in der die Städte des Nordens ihre Macht aus Handel, Bildung und Selbstverwaltung schöpften.

Und Hamburg? Man möchte meinen, die hanseatischen Kaufleute, die sogenannten Pfeffersäcke, hätten eine Universität als natürlichen Ausdruck ihres Selbstbewusstseins betrachtet. Das Gegenteil war der Fall. Sie hielten universitäre Bildung für unnötig und teuer. Es waren die Sozialdemokraten, die in der ersten demokratisch gewählten Bürgerschaft 1919 die Universität durchsetzten, gemeinsam mit einer Volkshochschule, denn Bildung sollte nicht länger Privileg sein. Hamburg ist damit nicht nur die jüngste der drei, sondern auch die erste demokratische Universitätsgründung Deutschlands. Na ja, das ist ja auch etwas!
In Hamburg studieren heute rund 43.000 Menschen, betreut von etwa 700 Professorinnen und Professoren. In Catania sind es rund 40.000 Studierende und etwa 800 Lehrende. Das Betreuungsverhältnis in Catania ist also besser als in Hamburg, trotz deutlich geringerer staatlicher Mittel.
Die Kosten für ein Studium könnten unterschiedlicher nicht sein. In Hamburg gibt es keine Studiengebühren. Der Semesterbeitrag liegt bei rund 384 Euro. Wer wenig verdient, bekommt BAföG, bis zu 992 Euro im Monat. In Catania zahlen alle Studierenden eine Fixgebühr von 156 Euro, dazu kommt ein einkommensabhängiger Beitrag von bis zu 2.150 Euro im Jahr; das ist angesichts des viel geringeren Durchschnittsverdienstes der Eltern ein nicht unerheblicher Aufwand, den sie jedes Jahr leisten müssen. Wer wenig hat und fleißig studiert, zahlt allerdings nur diese 156 Euro.
In Deutschland verdient ein Durchschnittsbeschäftigter laut Rentenversicherung rund 4.200 Euro brutto im Monat. In Sizilien sind es nach italienischen Sozialdaten knapp 1.400 Euro. Wer in Catania im Durchschnitt verdient, bringt also nicht einmal ein Drittel dessen nach Hause, was ein deutscher Durchschnittsverdiener verdient.
Dabei sind die Steuersätze gar nicht so verschieden. Der Spitzensteuersatz liegt in Deutschland bei 42 Prozent, in Italien bei 43 Prozent. Aber er greift in Deutschland erst ab rund 70.000 Euro, in Italien schon ab 50.000 Euro. Das bedeutet: Wer in Deutschland 70.000 Euro verdient, zahlt rund 17.500 Euro Einkommensteuer, in Italien wären es bei 50.000 Euro rund 21.500 Euro.

Entscheidend ist jedoch weniger der Steuersatz als die Steuerkraft. Das durchschnittliche Cataner Einkommen liegt weit unter jeder Spitzensteuerschwelle. Was der Staat einnimmt, hängt davon ab, wie viel die Bürgerinnen und Bürger verdienen, und was sie tatsächlich deklarieren. Italiens bekanntes Problem mit Steuerhinterziehung, Schattenwirtschaft und Korruption ist kein Klischee, sondern eine fiskalische Realität, die sich in den Klassenzimmern, Bibliotheken und der Besoldung niederschlägt.

Interessant ist der Vergleich des Verdienstes einer Lehrerin. In Deutschland kann sie am Ende ihrer Lehrtätigkeit auf ein Jahreseinkommen von brutto 75.000 Euro kommen, in Italien auf 28.000 Euro. Damit gehören Italiens Lehrkräfte zu den am schlechtesten bezahlten in Europa.
Weniger Einnahmen bedeuten weniger Investitionen. Weniger Investitionen bedeuten schlechtere Studienbedingungen. Schlechtere Bedingungen bedeuten geringere Chancen. Geringere Chancen bedeuten mehr Abwanderung. Und Abwanderung bedeutet noch weniger Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, die bleiben und zahlen könnten, usw., usw.
Europa sollte kein Kontinent sein, in dem der Geburtsort über die Bildungschancen entscheidet. Wir brauchen keine europäischen Normen für Bananenkrümmungen oder Tofuburgerkennzeichnung, sondern eine Angleichung der Lebensbedingungen: eine faire Steuerbasis in allen Mitgliedstaaten, ohne Schlüpflöcher für Vermögende und Unternehmen, und Bildung als europäisches Grundrecht, unabhängig von Herkunft, Einkommen und Region.
Für mein Tagebuch ist dieser Eintrag ungewöhnlich politisch. Aber Erikas Büro zwischen diesen alten Mauern hat mich dazu gebracht, einmal genau hinzusehen.
Zeit für solche Recherchen zu haben, genieße ich sehr. Das ist es, was ich unter Reisen verstehe. Ein Tourist kann in der kurzen Zeit, die er vor Ort ist, nur schauen. Ich habe, welch ein unfassbares Glück, ZEIT zu fragen, nachzudenken und dabei das Leben bei einem leckeren Essen während einer regenbedingten Pause zu genießen.

Der Weichspüler für die Wäsche kommt von oben.

Und immer wieder verstecken sich hinter den alten Fassaden mit viel „Patina“ erstaunlich schöne Höfe.
