
So viel Regen wie ich in den letzten 24 Stunden erlebt habe, habe ich bei meinen beiden letzten Schottlandreisen zusammen nicht erlebt. Die Wellen werden fast wie empört lautstark auf die Felsen vor meinem Haus geworfen. Ich gebe zu, dass ich dieses Geräusch liebe – es klingt allerdings bei Sonnenschein genauso schön 😉
Am späten Vormittag fuhr ich rauf nach Acireale, um meine Brille reparieren zu lassen. Da ich prima nach dem Weg fragen kann, das lernten wir in der zweiten Stunde, fand ich schnell einen Optiker, der den verlorenen Nasenflügel aus Plastik ersetzte – kostenlos. Molto gentile. Zum Glück hatte ich meine Ersatzbrille eingepackt.
In einem Café gab es Wifi und später Fish & Chips, was sie in Schottland definitiv besser zubereiten.

Nach dem Mittagschlaf sah die Welt draußen wie davor aus, es regnete ununterbrochen. Ich machte es mir vor dem Fenster gemütlich und während ich auf das Meer blickte, hörte ich ein Hörbuch. Die heiße Tasse Milchkaffee dampfte. Ich stelle fest, mehr faul sein kann ich nicht.
Mein dolce Vita hatte ich mir anders vorgestellt. Aber in den nächsten Tagen wird Sizilien von monsunartigen Regenfällen heimgesucht, um die Zitronen schön saftig werden zu lassen.

Abends sah ich mir den großartigen Filmklassiker La Dolce Vita von 1960 an. Der Film entführt in eine 64 Jahre zurückliegende, scheinbar fremde Welt, die einem dennoch erstaunlich vertraut vorkommt, weil sie unserer so ähnlich ist. La dolce vita erklärt nichts, er beobachtet. Er öffnet einen Blick in die frühen 60er Jahre – und zugleich einen Blick auf unser eigenes Leben heute. Man sieht, wie nah Schönheit und Sinnleere beieinander liegen können, und wie leicht man sich in seiner Zeit verliert, wenn man nur reagiert, statt den eigenen Kurs zu halten.
Fellinis Film folgt Marcello Rubini, einem Reporter, der nachts durch Rom streift und tagsüber versucht, sein Leben zu sortieren. Die Woche, die der Film erzählt, wirkt weniger wie eine Handlung als wie ein Strom von Eindrücken: mondäne Abende auf der Via Veneto, eine Filmdiva, die mitten in der Nacht in den Trevi-Brunnen steigt, eine Marienerscheinung auf dem Land, Gespräche mit Intellektuellen, Partys, die immer lauter werden, je leerer sie sich anfühlen. Am Ende steht Marcello am Strand, einem jungen Mädchen gegenüber, dessen Stimme er nicht mehr versteht. Der Film zeigt nicht, was man tun soll, sondern wie sich eine Zeit anfühlt.
Mit dem Alltag der meisten Italiener im Jahr 1960 hat diese Welt wenig zu tun. Das Land befand sich im wirtschaftlichen Aufbruch, aber große Teile der Bevölkerung lebten noch in Armut, besonders im Süden. Fellini richtet den Blick bewusst auf eine kleine, schillernde Schicht: Menschen, die sich in Bars, Villen und Hotels bewegen, die von Kameras verfolgt werden und sich selbst dabei zuschauen, wie sie versuchen, wichtig zu wirken. Gerade dadurch zeigt der Film etwas Wahres: die glänzende Oberfläche eines Landes, das sich modern gibt, während darunter vieles noch unsicher ist.
Rom selbst spielt eine stille Hauptrolle. Die alten Monumente – der Trevi-Brunnen, die Via Appia, der Petersdom – wirken wie Erinnerungen an eine Tiefe, die die Figuren nicht mehr erreichen. Gleichzeitig tauchen überall Baustellen und neue Wohnblöcke auf, ein Italien, das gerade erst entsteht. Der Kontrast ist deutlich: Die Vergangenheit ist groß, die Zukunft noch unfertig.
Die berühmte Szene im Trevi-Brunnen ist dafür ein gutes Beispiel. Anita Ekberg steigt in dieses barocke Monument, als wäre es ein privates Schwimmbecken. Marcello steht daneben, fasziniert und doch außen vor. Der Moment ist schön, aber auch seltsam leer. Man spürt, wie aus einem Sehnsuchtsort ein Bild wird, das man anschaut, ohne es zu fühlen.
Andere Szenen zeigen, wie sehr der Film von seiner Zeit geprägt ist. Die Darstellung homosexueller Figuren wirkt heute klischeehaft; damals war Homosexualität zwar nicht strafbar, aber gesellschaftlich tabuisiert. Fellini zeigt diese Welt neugierig, aber nicht unbedingt respektvoll. Die Szene, in der Marcello auf einer Frau reitet, war schon damals umstritten. Heute würde man sie noch kritischer sehen, weil sie deutlich macht, wie sehr Macht, Anpassung und Selbstverlust ineinandergreifen.
Und dann sind da die Autos, die überall auftauchen: elegante italienische Modelle, kleine Fiats, Vespas. Sie gehören einfach zu dieser Zeit, ohne dass der Film sie besonders hervorhebt.
Am Ende bleibt La dolce vita ein Film über Menschen, die nach etwas suchen, das sie nicht benennen können. Über eine Gesellschaft, die sich modern fühlt und gleichzeitig verloren. Und über eine Stadt, die alles zeigt und nichts erklärt. Vielleicht wirkt der Film deshalb bis heute – weil er uns daran erinnert, wie wichtig es ist, die eigene Richtung nicht aus den Augen zu verlieren und wie leicht man sich in Bildern oder Emojis verlieren kann.