Früher hing das Telefon an einer langen Schnur, die quer durch die Wohnung lief, um überall erreichbar zu sein. Und wenn man sich für einen Kinobesuch verabreden wollte, brauchte es eine Telefonkette, die sich durch die ganze Stadt zog. Niemand sagte drei Minuten vor Filmbeginn ab – schon weil man dafür erst einmal eine Telefonzelle hätte finden müssen, und die waren damals rarer als heute echte Aufmerksamkeit.

Heute bin ich über WhatsApp, Signal, Facebook Messenger, Telegram, E‑Mail und das mobile Telefon rund um die Uhr und weltweit erreichbar. Der technische Fortschritt besteht darin, dass auf all diesen Kanälen kaum noch zugewandte, verbindliche Kommunikation stattfindet. Nachrichten werden weggewischt wie Krümel vom Küchentisch. Und manche praktizieren eine so radikale Form der Achtsamkeit, dass sie konsequent alle Mitteilungen von Freunden ignorieren – aus Selbstschutz, versteht sich. Schließlich könnte ja jemand etwas von ihnen wollen.
Beziehungen? Ja, theoretisch gibt es die noch. Praktisch bestehen sie aus blauen Häkchen und Schweigen. Nach einer Genesung zu fragen? Das wirkt in manchen Kreisen wie ein übergriffiger Versuch, Anteilnahme zu simulieren.
Früher bekam man zum Geburtstag einen Brief und einen Anruf. Heute – mit sehr viel Glück – ein Comicbild, das aussieht, als hätte es eine gelangweilte KI ausgespuckt. Wenn es wenigstens ein persönliches Foto wäre, aber selbst das scheint inzwischen eine unzumutbare und übergriffige Nähe zu sein. Man hat sich ohnehin seit Monaten nicht gesehen, und vielleicht ist das auch besser so, denn dann müsste man ja reden.
Vielleicht gilt Dankbarkeit inzwischen sogar als verdächtig. Ein schlichtes „Danke“ könnte ja schon als übergriffige Nähe interpretiert werden oder – noch schlimmer – als altmodische Höflichkeit. In manchen Kreisen wirkt ein Dank fast schon wie ein politisches Statement. Ist das Bedanken vielleicht schon woke? Wer weiß. Sicher ist nur: Je weniger man sich äußert, desto sicherer bewegt man sich im sozialen Minenfeld der Gegenwart.
Wenn Schweigen die neue Empathie ist, will ich das nicht akzeptieren.
Dabei wäre es angesichts der täglichen Flut an sonderbaren und schlechten Nachrichten vielleicht gar nicht so verkehrt, wenn wir vor allem die guten miteinander teilen würden. Aber vermutlich bräuchte es dafür eine neue App. Und ich fürchte, dass die dann wieder niemand öffnen würde, weil man gerade „digital detox“ macht.
Vielleicht sollten wir wieder miteinander reden. Notfalls per Telefon mit Schnur — das hat wenigstens funktioniert.
Meine Telefonnummer im Festnetz ist 040‑225258.
Für 2026 wünsche ich uns allen ein Jahr, in dem wir wieder öfter zueinander finden – mit echten persönlichen Mitteilungen, im Dialog, im wirklichen Leben. Möge 2026 ein Jahr werden, in dem die guten Nachrichten lauter sind als die schlechten und die Nähe stärker als das Schweigen.
