„Ich ging durch die Gassen, stets mit der Frage im Sinn, wie es damals gewesen war, ich zu sein.“ Pascal Mercier
Der Satz von Pascal Mercier begleitet mich, während ich heute Abend durch die langen Arkadengänge Turins gehe. Das Echo meiner Schritte mischt sich mit dem Echo dieser Frage: Wie war es damals gewesen, ich zu sein?

Martin Bubers Ich und Du habe ich vor mehr als dreißig Jahren in der kleinen gelben Reclam‑Ausgabe gelesen. Den Ort habe ich vergessen, nicht aber das Gefühl, dass etwas in mir angesprochen wurde, ohne dass ich es fassen konnte. Wer war ich damals – und wer bin ich heute, hier unter diesen Arkaden?
Zwei Bücher habe mich Anfang der 1980er Jahre sehr inspiriert und Orientierung gegeben. Das von Martin Buber undHaben oder Sein von Erich Fromm. Sie beschreiben zwei Seins- bzw. Sicht-Weisen auf die Welt.

Martin Buber nennt seine Perspektiven: Ich–Es und Ich–Du.
Im Ich–Es-Modus begegne ich der Welt als etwas, das ich nutze, analysiere, organisiere. Menschen, Dinge, Situationen werden zu Objekten meiner Aufmerksamkeit. Das ist notwendig, um zu Arbeiten und den Alltag zu arrangieren – aber es bleibt eine distanzierte Beziehung. Doch es bleibt eine distanzierte Beziehung, ein Umgang ohne wirkliche Berührung oder innere Beteiligung.
Im Ich–Du-Modus hingegen begegne ich einem Menschen, einem Kunstwerk, der Natur unmittelbar, ohne Zweck, ohne Distanz. Ich lasse mich ansprechen und antworte mit meinem ganzen Wesen. Ein Musikstück, dass in mir nachklingt, wenn es selbst schon verklungen ist. Für Buber entsteht Identität erst im Dialog. Erich Fromm beschreibt denselben Gegensatz als Haben und Sein. Beide sprechen von derselben inneren Resonanz – im Kopf oder im Herzen.
Natürlich kenne ich beides. Mein Alltag ist oft Ich–Es: organisiert, strukturiert, funktional. Bei der Recherche zur Biografie fühlte ich mich wie ein Detektiv: jeder Hinweis wie ein kleiner Stromstoß, jede Spur ein Versprechen. Doch kaum begann die Arbeit an der Druckvorlage, wurde alles stumpf. Nur noch Klicken, Schieben, Kontrollieren – ein rein mechanischer Vorgang.
Man kann den Ich–Du-Modus nicht erzwingen. Der Alltag schafft diesen Boden.
Diese Reise beginnt anders als geplant. In Hamburg stehen die Busse still. In Italien am nächsten Morgen die Züge. Ich rutsche sofort in einen anderen Modus: weniger Kontrolle, mehr Improvisation. Vielleicht ist das die eigentliche Schwelle. Die Haltung, in der ich reise, ist die des Flâneurs. Nicht die des Touristen, der Sehenswürdigkeiten abhakt. Der Flâneur bewegt sich ohne festes Ziel durch den Tag, offen für das, was sich zeigt. Er lässt sich ansprechen – von einer Gasse, einem Gesicht, von einem Saxophonspieler an der Straßenecke.
Zum Alleinreisen gehört auch das, was sich nicht planen lässt: das Zurechtfinden in einer fremden Umgebung, das Entdecken neuer Wege – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Wer sich allein durch eine unbekannte Stadt bewegt, muss wirklich anwesend sein. Er muss lesen, beobachten, entscheiden, irren, umkehren. Er ist nicht Passagier, sondern Handelnder. Genau darin liegt die Erfahrung: nicht im Ankommen, sondern im Unterwegs-Sein mit offenem Ausgang.
Eine geführte Gruppenreise oder eine Kreuzfahrt können das nicht ersetzen – sie sind die Simulationen solcher Erfahrungen. Alles ist vorbereitet, abgesichert, erklärt. Man hat eine Komfortzone, und ob die, wenn man nicht auf Reisen verzichten. Das Fremde wird gezähmt, bevor man es betreten hat. Man schaut, aber man begegnet nichts und niemandem im eigentlichen Sinne. Man bewegt sich, aber man erreicht nichts und niemanden. Es ist Ich–Es in Bewegung: die Welt als Kulisse, nicht als Gegenüber.
Was wie Einsamkeit beim Alleinreisen wirkt, ist in Wahrheit das Gegenteil. Einsamkeit ist ein Mangel an Beziehung – Alleinsein ein Raum für Beziehung. Auf Reisen öffnet sich ein Raum, in dem Begegnung überhaupt erst möglich wird.

Während ich im Ägyptischen Museum vor den jahrtausendealten Statuen stehe, ziehen Lehrerinnen eine Gruppe Zehnjähriger hinter sich her. Die Kinder fotografieren alles mit ihren Handys, ohne wirklich hinzusehen. Ich dagegen bleibe vor einer einzigen Figur stehen, als würde sie mich mustern. Während ich vor der Pharaonenstatue stehe, frage ich mich, was von seinem Ruhm und Reichtum geblieben ist. Und unwillkürlich denke ich an Sinuhe, den Ägypter von Mika Waltari: Auch er wusste, dass am Ende nur die Haltung bleibt, nicht der Besitz. Zwei Arten, sich zu begegnen – und zwei Arten, in der Welt zu sein.
Im Palazzo Madama komme ich später mit einer polnischen Informatikerin ins Gespräch. Wir stehen in einem barocken Saal und sprechen über Europa – über Hoffnungen, über Gemeinsamkeiten und über Musik. Ein Gespräch von vielleicht einer halben Stunde, und doch trägt es eine Wärme, die länger bleibt als viele Worte im Alltag. Solche Begegnungen haben keine Vergangenheit und keine Zukunft. Sie sind reine Gegenwart. Sie sind Ich–Du.
Auf Reisen tritt ein anderes Selbst hervor. Es ist offen für das Neue, geht in Resonanz mit Menschen, Landschaften, Kunst. Es erzeugt ein Echo, das lange nachklingt – nicht als Sehnsucht, sondern als Erinnerung an eine Möglichkeit des eigenen Seins. Ich werde anders gesehen – und dadurch sehe ich mich selbst anders. Fremde Menschen begegnen mir und ich ihnen ohne Vorgeschichte. Es beginnt das Spiel der Möglichkeiten.
Das Reise‑Ich im Ich–Du‑Modus spielt. Es probiert aus, tastet sich vor, antwortet auf alles, was ihm begegnet. Es ist ein Ich, das experimentiert, als hätte es plötzlich mehr Raum zum Atmen – und genau darin liegt seine Freude.
Wenn ich nach Hause komme, nehme ich etwas mit: eine Spur von Offenheit, eine Erinnerung an Resonanz, ein Wissen darum, dass ich mehr bin als die Summe meiner Funktionen. Dieses andere Selbst löst sich nicht auf. Es ist mein innerer Kern, der auf Reisen nicht erschaffen, sondern genährt wurde. Das Ich–Du der Reise stärkt das Ich–Es des Alltags. Und das Ich–Es des Alltags ermöglicht das Ich–Du der Reise. Beide gehören zusammen.
Vielleicht ist meine Reiselust nichts anderes als der jährliche Ruf dieses anderen Selbst – und meine Art, ihm zu folgen, die des Flâneurs: offen, ohne Agenda, bereit für das, was sich zeigt.
Morgen werde ich durch andere Gassen gehen, und wahrscheinlich trage ich dieselbe Frage mit mir:
Wie war es gestern gewesen, ich zu sein? Vielleicht ist genau dieses Weiterfragen die eigentliche Bewegung jeder Reise.
Soweit die Theorie. Mit jedem Schritt und jeder Reise komme ich den Antworten ein wenig näher.
Auch dieser Essay in meinem Reiseblog ist ein Versuch einer Ich–Du‑Beziehung – wenn du sie zulässt.
Möge mir die Reiselust erhalten bleiben.
